Revolution der Sprache


So steht als Dämmerung einer künftigen Revolution der Sprache vor uns die Möglichkeit, dass sich einst alle Eigenschaftswörter in transitive Verben, alle transitiven Verben in irgend welche Zustandsbezeichnungen auflösen werden. Vorher werden zahlreiche Aussagen zu bildlichen Ausdrücken werden müssen, und hunderte von abstrakten Worten aus dem vermoderten Sprachschatz des Mittelalters werden verschwinden und vergehen, — wenn nur nicht "verschwinden" wieder ein Wort wäre, das nach unserer gegenwärtigen Kenntnis sinnlos ist.

Diese künftige Revolution der menschlichen Sprache wird den angeblich unzerstörbaren Bau des Aristoteles endlich zusammenwerfen. Unsere sauber präparierte Grammatik, mit der anfangs alle begabteren und reicheren Kinder, und schließlich in unserem gesegneten Jahrhundert gleichmäßig alle Kinder verdummt worden sind, wird auseinanderfallen wie ein Gerippe, dessen Gewebe verfault sind, unsere Logik, von deren Höhen zwei Jahrtausende auf uns herunterschauen, wird sich als die beschreibende Anatomie dieses verfallenden Gerippes herausstellen, und dann erst wird man mit dem alten Aristoteles fertig zu sein glauben. Dann wird man freilich in seinen Schriften den Gegensatz von Möglichkeit und Wirklichkeit wieder entdecken und wird stutzig werden, und wird an dem Materialismus zweifeln lernen, der wiederum allein zu jener Revolution des Sprechens und Denkens führen konnte. Denn die Sprache ist die Erzmaterialistin.

Und ich glaube das Entsetzen des Mannes zu fühlen, der mitsamt den Werken des Aristoteles die alte Sprache in die Flammen wirft und der bei ihrem letzten Aufflackern den Dualismus von Möglichkeit und Wirklichkeit schwarz auf weiß erblickt, schwarz auf weiß, das Dunkel auf der Blendung. An das Wirkliche kann die Sprache nicht heran, weil sich nur wahrnehmen, nicht aber aussprechen läßt, was irgend ist. An das Mögliche kann die Sprache nicht heran, weil das Mögliche noch nicht wirklich ist, für uns also noch gar nicht wirklich ist, weil das Mögliche nur für sich wirklich ist. Und so weiß der ehrliche Prophet der großen Sprachrevolution nicht, was nach der Zertrümmerung kommen würd, wofür er denn auch nach Gebühr von allen ihn lächernden Eseln ausgelacht zu werden verdient.

Wir stellen uns den eben befruchteten Keim eines Hundes vor und daneben den eben befruchteten Keim eines Menschen. Durch keines unserer Sinnesorgane können wir die beiden Dinge unterscheiden, kein Mikroskop unterscheidet sie, sie sind für jede Beobachtung identisch. In ihrer Wirklichkeit für uns sind sie dasselbe, sind sie gleich, sind sie Eins, und unsere Sprache hat keine Möglichkeit des Ausdrucks, um da im wirklich Gegebenen zweierlei Wirkliches zu bezeichnen. Und doch wird der eine ganz sicher ein Hund werden, der andere ein Mensch, zur Gewißheit wird uns die Möglichkeit, nur unterscheiden können wir die Keime nicht.

So stehen wir sprachlos vor dem, was werden wird, und nennen es mit dem geheimnisvollsten Worte unserer Sprache: das Leben.


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 06:13:38 •
Seite zuletzt aktualisiert: 20.04.2006 
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