Regeln


Die menschliche Sprache oder das Denken ist höchst wahrscheinlich von einer vorsprachlichen Wirklichkeitsgegenwart ausgegangen und hat erst nach einem langen Wege der Abstraktion einen Ausdruck für die sprachliche Gegenwart, für die grammatikalische Gegenwart gefunden. In der Sprache war also die Form für Vergangenheit und Zukunft früher da als eine klare und bewußte Form für die Gegenwart. Die Tatsachen der Sprachgeschichte scheinen diese Einsicht bald zu bestätigen, bald zu widerlegen, sind aber mit Vorsicht zu benützen. So haben die semitischen und altslawischen Sprachen nur für die Gegenwart und für die Vergangenheit eine bestimmte Form, und man sagt, dass sie die Zukunft durch die Gegenwart ausdrücken. Was heißt das: eine Sprache drückt die Zukunft durch die Gegenwart aus? Das ist doch nur eitle Wortmacherei. Selbst in unserer Zeit hat das Präsens unendlich oft, in der Umgangssprache sowohl wie im Gebrauche der Dichter, den Sinn des Futurums. "Ich komme gleich", sagt jeder Mensch anstatt "ich werde gleich kommen". — "Wer weiß, wer morgen über uns befiehlt", sagt der Dichter anstatt "wer morgen über uns befehlen wird". In diesem "anstatt" liegt dieselbe Wortmacherei, derselbe grammatikalische Hochmut verborgen wie in dem Satze, es drücke eine Sprache die Zukunft durch die Gegenwart aus. Es versteckt sich darin die ewige Vermessenheit der Abstraktion, welche über die Wirklichkeit herrschen will, die Unverschämtheit der Regel, welche mehr sein will als die Einzelfälle, auf welche sie sich ordnend bezieht. Die Regel ist nichts als ein kurzer Ausdruck für den Sprachgebrauch; nachdem sie jedoch in eine Formel gefaßt ist, will sie den Sprachgebrauch, den sie nur aussprechen sollte, ändern. Es ist wie auf allen Gebieten des Handelns. Hat man durch ein Wort ausgedrückt, was ist, so möchte das Wort sofort ein Sollen sein. Das ist immer eine Willkür, auch bei der Fixierung der Zeitformen. Durch den Gebrauch der "richtigen" Zeitformen kommt in die Schriftsprache eine Nüchternheit, ohne dass die Deutlichkeit der Umgangssprache erhöht wird. Ein Beispiel für die Willkür der Grammatiker ist es, dass die gleiche Form, welche in der arabischen Grammatik Präsens heißt, im Hebräischen Futurum genannt wird.

Man hat die drei Zeiten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die absoluten Zeitverhältnisse genannt und sie so von den relativen Zeitverhältnissen, wie z. B. dem Plusquamperfektum, unterschieden. Natürlich sind diese Bezeichnungen nicht streng zu nehmen. Gegenwart und Zukunft beziehen sich immer auf die Gegenwart, sind immer relativ, und Plusquamperfektum, Futurum exactum usw. sind nur relativ in zweiter Potenz; irgend eine Vergangenheit oder Zukunft wird gewissermaßen als ein Koordinatenursprung angenommen, auf welche sich wiederum eine andere Zeit als Vergangenheit oder Zukunft bezieht. Es gab und gibt Sprachen (wie das Althochdeutsche und trotz großen Eeichtums in anderer Beziehung das Slawische), welche für die Relativität in zweiter Potenz keine grammatische Form besitzen, ohne dass Sprecher und Hörer über die Zeitverhältnisse im unklaren blieben.


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