Negation


Zuletzt ist freilich überall der doppelsinnige Gebrauch des Wortes "alle" doch nur begreiflich, weil der Unterschied, wie oben schon angedeutet, ein Gradunterschied ist. Weil später auch von der Negation als einer neben der Quantität für die formale Logik wichtigen Kategorie die Rede sein wird, will ich an dieser Stelle gleich die Bemerkung hinzufügen, dass auch die Negation unter Umständen nicht mehr zu bezeichnen braucht als einen Gradunterschied. Man nehme einmal die Begriffe "blind" und "taub". Es sind in positiver Sprachform vorhandene Negationsbegriffe, welche den Mangel bestimmter Organe oder (was eigentlich dasselbe ist) den Mangel ihrer psychologischen Funktion ausdrücken. Sage ich ohne metaphorische Anwendung "dieser Tisch ist blind", so ist das ein ebenso sinnloses Urteil, wie wenn ich sagen wollte "die Tapferkeit ist nicht dreieckig". Alle solche Sinnlosigkeiten können in einem bestimmten Zusammenhange metaphorisch sinnvoll, witzig, symbolisch und wer weiß was noch sein. "Diese Marmorstatue der Venus ist taub" gibt einen Sinn. Was für einen Sinn hat nun ein solches Wort in seiner üblichsten Anwendung z. B. "N. ist blind"? Doch wohl nur den: N. ist ein Mensch, und ich subsumiere ihn unter den Menschenbegriff, trotzdem er sich von dem Normalmenschen dadurch unterscheidet, dass er nicht sehen kann. Ebenso würde ich N. noch zu den Menschen rechnen, wenn er außerdem taub und lahm wäre, auch dann noch, wenn er mit einem so unvollständigen Gehirn geboren wäre, dass zur Definition des Menschen der Verstand fehlte. Dann würde er freilich für die Rechtsprechung nicht mehr unter den Menschenbegriff fallen. Wäre er aber vollends ohne Kopf auf die Welt gekommen und (man gestatte die Hypothese) dennoch lebensfähig, so würde man gar nicht mehr sagen können "N. ist blind"; dann hätte dieses selbe Geschöpf, diese selbe Leibesfrucht gar keinen Namen, und weil es oder sie nicht mehr mit dem Normalmenschen verglichen würde, dürfte man die relative Negation "blind" nicht mehr anwenden. Ich habe hier eine unlogische Überschätzung eines bloßen Gradunterschiedes in dem Falle von "alle" und in dem Falle der sprachlich positiven Negationsworte zusammengestellt, weil beide Fälle mir die Unsicherheit unserer Kategorien deutlich zu machen scheinen. Den phantasiereichen Indern wurde es gar nicht schwer, die Negation positiv zu begreifen. Das Nichtwissen (avidjâ), das heißt das vermeintliche Wissen von der Erscheinungswelt, war der Feind, der sich der Erkenntnis des Weltprinzips positiv in den Weg stellte. (Vgl. Deussen II. 68 u. f.)


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