Namen der Flüsse


Namen der Flüsse sind Eigennamen. Das lernen wir in der Schule. Es ist aber auch nicht ganz wahr.

Eigennamen sind sie nicht ganz so wie Peter oder Paul. Unter uns sind Peter und Paul auch nicht mehr Eigennamen. Eigenname ist erst "Peter Müller", das heißt so viel als der schwarze oder der bucklige Müller. In diesem Sinn ist dann "Donau" ein Begriff wie "Peter Müller". Und dass "Donau" nur das Bett bezeichnet, in dem ein unaufhörlich wechselndes Wasser fließt, das hindert die Ähnlichkeit nicht; denn am letzten Ende bezeichnet auch "Peter Müller" nur das Bett. die Summe der (selbst wieder wie das Flußbett sich langsam wandelnden) Gefäße und Organe, durch welche das täglich durch neue Nahrung neu geschaffene, neu entsprungene Blut strömt.

Doch mit den Flußnamen hat es noch was Besonderes auf sich. Es hat gewiß und nachweisbar Zeiten gegeben, in denen namentlich große Ströme und Ozeane von den verschiedenen anwohnenden Völkern verschieden benannt wurden, und zwar so, dass sie auch später nicht wußten, es sei derselbe Fluß. Ja, wenn Kolumbus "logisch" dachte, so mußte er, da er bis an sein Lebensende nichts von Amerika (dem Emmerichland) "wußte", glauben, Bombay liege am Atlantischen Ozean, und mußte diesen Glauben für eine neue Wahrheit halten.

Als dann die abendländische Menschheit für große Ströme einheitliche Namen annahm, schien "Donau" endlich ein Eigenname zu werden, ein Einzelbegrift. Wie aber steht es mit der Taufe dieses Wassers? Mit dem Grunde der Namengebung? Zufällig wurde der Hauptstrom Missouri genannt, der Nebenfluß Mississippi; zufällig hieß der Hauptstrom Inn, der Nebenfluß Donau. Weil aber die Strecke unterhalb des Zusammenflusses hier Mississippi, dort Donau hieß, darum erhielt der ganze Lauf den Namen des Nebenflusses. Sowie Mohammed, nachdem ihm von Chadidscha ein Sohn Kasim geboren worden war, Abulkasim, der Vater des Kasim, hieß. Der Vater wird nach dem Sohne genannt. Der Fluß bei Hamburg, der Moldau heißen sollte nach dem Hauptflusse Böhmens, heißt Elbe.

Das ist uns ganz gleichgültig, weil die Flüsse für uns Marktwaren sind, weil das Wasser, einerlei unter welchem Namen, fest gebettet und beschrieben ist und weil die Flüsse nicht lebendig sind. Wie aber wenn jemand den Schluß ziehen wollte, dass die Wassermasse der Donau bei Passau größer sein müsse als die des Inn, weil der Strom weiterhin Donau heiße? Weil dem ganzen Strome nicht oben in den Alpen (Engadin — En cap d'Inn), sondern in Donaueschingen der Ursprung gesetzt worden sei, und einer fürstlich Fürsten-bergischen Ursprungsquelle (nicht einmal der stärksten) dort sogar ein Denkmal? (Trotzdem das Donaueschinger Donauwasser übrigens bei Immendingen unterirdisch zum Rheine abfließt, so dass eigentlich die obere Donau für die Hälfte des Jahres zu einem Nebenflusse des Eheins wird. Und trotzdem über dieses Donaugefälle, als über eine Marktware, zwischen Baden und Württemberg prozessiert wird.) Dann würde er denselben Fehler begehen, den die redende Menschheit seit jeher begeht, indem sie die Logik für etwas Ursprüngliches hält, trotzdem die Logik nur aus Namen abgezogen ist.

Wir haben unzählige Begriffe, die Haupt- und Nebenstrom verwechseln oder die (z. B. Weser aus Werra und Fulda) plötzlich den alten sprachlichen Zusammenhang verlieren; und am Ende ist es für die Wirklichkeit wirklich ebenso gleichgültig, ob ihre Begriffe passen, wie für das Wasser unterhalb Passau, ob es Donau oder Inn heißt. Graugrün ist es doch.


 © textlog.de 2004 • 23.10.2017 22:48:47 •
Seite zuletzt aktualisiert: 20.04.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright