"machen"


Erkenntnistheoretische Untersuchungen haben uns zu der Einsicht geführt, dass die altberühmten Kategorien doch nur die aus unseren indoeuropäischen Sprachen abstrahierten Redeteile der Grammatik und dass diese Redeteile weder der Wirklichkeitswelt noch unseren Sinneseindrücken von ihr kongruent sind. Wir haben gesehen, dass unsere Wahrnehmungen von den Dingen weit eher adjektivischer als substantivischer Natur sind und dass das Verbum Beziehungen im Raum und in der Zeit auszudrücken versucht, etwa Veränderungen, also Vergleichungen, dass wir aber von Tätigkeiten und Zuständen unmittelbar gar nichts wissen. Nun führen uns psychologische Untersuchungen auf ganz anderem Wege dazu, das Verbum auch sprachlich überflüssig zu finden zur Auffassung oder Mitteilung einer Handlung. Bei elliptischen Formen wie "Heraus!" "Zu Pferde!" "Schnell!" und dergleichen ist es ja bekannt, dass das Verbum aus der Situation ergänzt wird. Das ist aber nicht mit den Sprachpedanten so zu verstehen, als verschweige der Sprecher und ergänze der Hörer ein bestimmtes Verbum z. B. der Schauspieler solle heraus "kommen", der lästige Besucher solle heraus "gehen". Man könnte, wenn man schon einen ordentlichen Satz formulieren will, in jedem solchen Falle das Verbum "machen" eintreten lassen, welches ja so häufig als allgemeinste Bezeichnung irgend einer Tätigkeit fast wie eine Flexionssilbe gebraucht wird. Der Sprachgebrauch gestattet die allerdings für unfein geltenden Redewendungen wie "nach der Schweiz machen, das Schreckhorn machen". Vermutlich ist auch das lateinische proficisci (reisen) aus facere (machen) entstanden. "Machen" heißt dann nicht mehr als die verbale Endsilbe, welche z. B. im Deutschen aus Sattel "satteln", aus zwei "entzweien", aus Schriftsteller "Schriftstellern" — macht. Weder das "machen" im Sinne von reisen, besichtigen, besteigen usw. noch die verbale Endsilbe drückt eine bestimmte Tätigkeit aus in der relativen Umgrenzung, wie etwa die Adjektive grün, groß, laut einen bestimmten Sinneseindruck bezeichnen. Unsere Beispiele umfassen gleich dreierlei sogenannte Tätigkeiten. "Satteln" ist von einem Dingwort abgeleitet, welches Objekt einer Veränderung wird; "entzweien" von einem Wort, welches Ziel einer Tätigkeit wird; "Schriftstellern" vergleicht eine Lebensweise mit der eines bestimmten Berufs und enthält die Nuance, dass die Ähnlichkeit nicht ganz zutrifft. (Hierfür und für das folgende: Wegener S. 138 bis 150.)



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 20.04.2006 
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