Passivum barbarisch


Auf die psychologische Unwahrheit unsere Subjektbegriffs bin ich zuerst geführt worden durch eine Empfindung, die vielleicht in ihrer ganzen Stärke nur schwer mitzuteilen sein wird. Ich las einmal in einer ganz gewöhnlichen, weit verbreiteten Schulgrammatik, was alle Schulknaben, Logiker und Grammatiker zu wissen glauben: dass nämlich das Subjekt meistens den tätigen Gegenstand nenne, aber auch wohl den leidenden Gegenstand nennen könne. Es fällt das ungefähr mit der Unterscheidung zwischen der aktiven und passiven Form des Verbums zusammen. Als Beispiel fand ich den Satz: "Der Regen befruchtet die Erde," "die Erde wird durch den Regen befruchtet". Von der Sinnlosigkeit, die befruchtete Erde sei der leidende Teil, ging ich aus, bis mich plötzlich ganz allgemein die bloße Existenz eines Passivums in unserer kultivierten Sprache verwunderte, ja entsetzte. Ich fühlte auf einmal etwas "Barbarisches" in dieser viel gerühmten Form des Zeitworts. Warum, so fragte ich mich, wird diese Beziehung nicht an demjenigen Worte ausgedrückt, zu der sie gehört? Warum ist es das Verbum und nicht das Substantiv, welches Aktivum und Passivum bezeichnet? Ich erinnerte mich, dass es an der Nordküste von Java Sprachen gibt, welche ungefähr solche Verhältnisse im Substantiv ausdrücken. Die Beobachter haben das so ausgedrückt, dass in dem Satze: "Ich suche das Brot im Hause" auch Haus zum Subjekt werden kann. Wonach der Satz (ohne Passivum) etwa so sich gestalten Würde, wie wir ihn mit Hilfe des Passivums ausdrücken können "das Haus wird von mir nach einem Brot durchsucht". Unser verwöhntes Sprachgefühl läßt uns nun derartige Sprachformen, für welche wir keine Analogie zu besitzen glauben, leicht als etwas Barbarisches empfinden, als etwas, was sich für wilde Völker besser schicke als für uns. Mein Sprachgefühl schlug nun plötzlich aus der Art, es wurde entartet oder pervers; ich hörte unser passives Verbum vom Standpunkt eines Menschen, der über ein passives Substantiv verfügt, und so entsetzte ich mich über unser schönes Passivum. Es versteht sich von selbst: nach einiger Überlegung kam die Überzeugung, dass es nicht gerade human ist, das Wort "barbarisch" überhaupt anzuwenden, dass "Barbar" doch eigentlich bei den inhumanen Griechen nichts Anderes bedeutete als fremd oder unbekannt, dass fremde Vorstellungen eben in dem Augenblicke aufhören müssen barbarisch zu heißen, wo sie uns bekannt werden, dass wir also niemals etwas Barbarisches kennen können. So wurde ich wieder milde gegen die eigene Sprache; ist das passive Substantiv nichts Barbarisches, so braucht es auch das passive Verbum nicht zu sein.

Ein solches Verwundern oder Entsetzen über alltägliche Begriffe ist bei dem ersten Menschen, der diese Empfindung an sich selbst beobachtet, immer ein Aus-der-Art-schlagen; und es ist ganz in der Ordnung, wenn die Art, das heißt die Majorität seiner Zeitgenossen, ihn dafür für verrückt oder für verbrecherisch erklärt. Der erste, der sich über Hexenverbrennungen entsetzte, der erste, der sich über die absolute Monarchie verwunderte, der erste, der sich in unsern Tagen über die Macht des Geldes oder der sich vor zweitausend Jahren über das Institut der Sklaverei nicht beruhigen konnte, war in diesem Sinne ein Entarteter. Indem ich also diese meine Sprachempfindung preisgebe, glaube ich allerdings, dass mein Verwundern, wenn auch hier von unendlich geringerer Wichtigkeit, einigermaßen fruchtbar sein könnte.


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