Atomistik


Der Gegensatz zwischen der modernen und der altgriechischen Naturphilosophie zeigt sich außer in der Unmenge von Einzelbeobachtungen, die in der Mechanik seit Galilei, in der Chemie seit etwa hundert Jahren das Bild verändert haben, vielleicht am besten darin, dass im Altertum die Atomistik und die geheimnisvolle Zahlenlehre des Pythagoras unvereinbar schienen, während gegenwärtig die Atomistik mathematisch geworden ist. Das hat der Begriff der Differential-Veränderung dadurch bewirkt, dass er die Qualitätsverschiedenheiten vorstellbar machte. Man lacht heutzutage über die deutsche Naturphilosophie aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Das Lachen knüpft sich immer an den Namen Schelling. Man denkt nicht daran, dass Hegel in seiner Habilitationsschrift (1801) die Planetenabstände mit Hilfe einer mystischen Zahlenreihe des Pythagoras zu deuten suchte, um bald darauf durch neue Entdeckungen Lügen gestraft zu werden. Die deutsche Naturphilosophie wollte nur, was die Philosophie immer getan hat, mit unzureichenden Mitteln die Welt erklären, wollte nur mit der Sprache von heute in das Wissen von morgen hineinspringen, trotzdem Wissen und Sprache einerlei ist und darum die Sprache oder das Wissen niemals von der Zukunft borgen kann. Mit unendlich reicheren Mitteln will die gegenwärtige Atomistik dasselbe, soweit sie Naturphilosophie ist.

Zwei Hauptgebiete der gegenwärtigen exakten und mathematischen Naturwissenschaft mögen zeigen, dass trotz der erstaunlichen Bereicherung unseres Rechensystems durch das Differential auch heute noch die Rechnung in den letzten Fragen der Naturerkenntnis zuletzt in Abstraktionen des Glaubens übergeht. Wenn naturwissenschaftliche Köpfe rühmen wollen, wie wir es so herrlich weit gebracht haben, so weisen sie auf die Entwickelung der Mechanik seit mehr als zweihundert und auf die Entwickelng der Chemie seit hundert Jahren; und doch heißen die Begriffe, in deren Dienst niedere und höhere Mathematik arbeiten müssen, immer noch Gravitation und Affinität, Namen, von denen niemand weiß, ob sie Gottheiten, Kräfte oder x bezeichnen.


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