Artbildende Adjektive


Um aber nach der erkenntnistheoretischen Untersuchung auch einen kleinen Nutzen für die Grammatik nicht zu verschmähen: es scheint mir, dass der Streit um die Zulassung verdächtiger Adjektive durch die Frage nach ihrer artbildenden Kraft entschieden werden könnte. Es braucht hierbei nicht an die berüchtigten Beispiele von der "reitenden Artilleriekaserne" und der "geriebenen Ölfarbenhandlung" erinnert zu werden; Andresen entlehnt ähnliche Schnitzer solchen Sprachmeistern wie Lessing und Grimm; Lessing sagt einmal "verschmitzte Frauensrollen", Grimm "ungeborene Lämmerfelle". Dass hier ein Fehler gemacht wird, fällt in die Augen; der Fehler scheint mir aber nur darin zu liegen, dass die artbildende Kraft des Adjektivs nach dem festen Sprachgebrauche an ein falsches Wort gebunden wird. Das wird noch einleuchtender , wenn wir die Fälle ins Auge fassen, in denen der Fehler nicht so leicht empfunden wird, ich meine die aus Eigennamen gebildeten Adjektive. Alle Welt spricht von Sokratischer Methode, Schillerschen Gedichten, Bismarckscher Politik. Das ist unsauber, wenn mit den Worten die Politik Bismarcks, die Gedichte Schillers, die Methode des Sokrates bezeichnet werden sollen. Die Ausdrücke sind aber tadellos und sehr prägnant, wenn Sokrates, Schiller und Bismarck als Schöpfer einer neuen Art. gedacht sind und gemeint ist: es habe z. B. Lessing mitunter die Sokratische Methode geübt, oder es gehöre dies und jenes dazu, Schillersche Gedichte, Bismarcksche Politik machen zu dürfen. Wir erinnern daran, wovon wir eben bei der Betrachtung des Adjektivs ausgegangen sind. "Schillersche" Gedichte sind Gedichte, die ein besonderes Merkmal an sich tragen, eine ganze Art also; nicht an das Individuum Schiller will das Adjektiv erinnern, sondern an den subjektiven Eindruck, den seine geistige Individualität artbildend auf uns geübt hat. Es gibt Gedichte von Schiller (Venuswagen, Männerwürde), die nicht unter den artbildenden Begriff "Schillersche Gedichte" fallen.

Ich habe in den letzten Kapiteln an den wichtigsten Redeteilen, dem Verbum, dem Substantiv und dem Adjektiv, die Unbestimmtheit des grammatischen Sinnes nachgewiesen. Weitergeführt habe ich diese Untersuchung in meinem "Wörterbuch der Philosophie", wo ich unter den drei Schlagworten adjektivische, substantivische und verbale Welt (I. 12 ff., II. 464 ff. und II. 526 ff.) an der einzig vorhandenen realen Welt die drei Welten der Erfahrung, des Seins und des Werdens unterschied und mich zu dem höheren Stockwerke der Kunst, der Mystik und der Wissenschaft blind emporzutasten versuchte. Ich möchte nicht mit anderen Worten wiederholen, was dort gesagt ist.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.04.2006 
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