Allheit


Die Unterkategorie der Allheit scheint der deutlichste von diesen Begriffen zu sein; wir verbinden jedoch mit dem Worte sehr verschiedene, eigentlich entgegengesetzte Vorstellungen: alle möglichen, sodann alle wirklichen, das heißt alle noch nicht gezählten und beobachteten, endlich alle gezählten und beobachteten. Es ist klar, dass "alle" in dem zweiten Falle nur eine Zusammenfassung von "viele" ist; ob ich in meinem kurzen Leben hundert Menschen kennen gelernt und als egoistisch erkannt habe und daraus den induktiven Schluß ziehe, alle mir unbekannten seien so egoistisch wie die vielen mir bekannten, oder ob die in der Sprache niedergelegte Weltanschauung der Menschheit seit Jahrtausenden Milliarden von Menschen beobachtet hat, die alle sterblich waren, und so aus den sehr vielen vielen Fällen ihren induktiven Schluß zieht, es seien alle Menschen sterblich, das ist im Grunde dasselbe. "Alle" bezieht sich (weit über den gemeinen Sprachgebrauch hinaus) fast regelmäßig zurück auf die "vielen", welche in meinem individuellen Gedächtnisse oder in dem Gedächtnisse der Menschheit vorhanden sind. In jedem induktiven Schlusse wird ein solches "viele" ausdrücklich oder implizite in ein "alle" verwandelt. Dieses "alle" bezieht sich jedesmal auf eine diskrete, wenn auch unbenannte Zahl, einerlei ob es sich um 10 oder um eine Quadrillion von Einzelfällen handelt. In dem Urteile "alle Revolutionen führen zur Diktatur", das man ja wohl gelegentlich hören kann, wird der induktive Beweis aus 4 oder 5 Beispielen geschöpft, seine Wahrscheinlichkeit ist kleiner, seine psychologische Entstehung ist aber nicht anders als in dem Urteile "alle Menschen sind sterblich". Eine unendliche Zahl wird bei dem Begriffe der Allheit nur dann mitverstanden, wenn die Vorstellung über die Erfahrung hinaus ausgedehnt wird, sei es durch die Hypothese des Unendlichkleinen, wie z. B. in "alle Atome haben die Eigenschaften des Stoffes, den sie bilden", sei es durch die Zwangsvorstellung einer unendlich großen Reihe, wie z. B. in "alle diskreten Zahlen lassen sich durch das dekadische System ausdrücken".

Der doppelsinnige Gebrauch des Wortes "alle" bald für eine bestimmte, wenn auch im Augenblicke vielleicht unbekannte Anzahl, bald für alle möglichen Fälle, welche unter einen Begriff fallen, ist ein logischer Fehler, den manche Sprachen vermeiden, andere Sprachen nach ihrem Wortvorrat vermeiden könnten. Wir könnten z. B. im Deutschen "alle" und "sämtliche" differenzieren, wie man im Lateinischen omnes und cuncti unterscheidet.


 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 03:27:33 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.04.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright