IV. Das Adjektivum


Unter den vorstellungsreichen Kedeteilen ist das Adjektiv in der Geschichte des Verstandes der älteste, in der Geschichte der Grammatik der jüngste. Aristoteles kannte das Adjektiv noch nicht, weil er es für die Ausgestaltung seiner Kategorientafel nicht nötig zu haben glaubte oder vielmehr, weil er die Unterschiede zwischen Adjektiv und Substantiv im Sprachgebrauch noch nicht differenzierte: sein Epitheton ist eine Art des Substantivs und unser Adjektiv und Beiwort sind Lehnübersetzungen des Wortes Epitheton.

Für die Behauptung jedoch, dass das Adjektiv in der wirklichen Sprache dem Substantiv und dem Verbum vorangegangen sei, ist mit historischen Gründen nichts auszumachen, trotzdem es sich um eine Zeitfrage handelt. Am wenigsten mit etymologischen Gründen; denn die Etymologie neigt einerseits dazu, für die neuere Zeit die Adjektive von Substantiven und Verben abzuleiten, womit sie sicherlich recht hat, anderseits für die älteste Zeit z. B. die Gattungsnamen der Tiere und Pflanzen von auffallenden Merkmalen oder Adj ektiven abzuleiten, womit sie vielleicht abermals recht hat. Wir wissen aber schon, dass Etymologie uns ebensowenig der Entstehung der Sprache nähern kann, als etwa ein Aufstieg im Luftballon uns der Sonne erheblich näher bringt. Nur mit psychologischen Erwägungen können wir uns in Urzeiten der Sprache orientieren. Auch Beobachtungen der Sprachvergleichung haben nicht mehr Wert als die psychologische Stellung der Vergleicher. Aus Zufallsdingen (Spinoza bemerkt, Tract. th. p. I, Hebraice frequentius substantivis quam adjectivis utimur) dürfen keine allgemeinen Schlüsse gezogen werden.


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