Unvollkommenheit der Welt


Denn selbst wenn ich das Wesen der Urelemente nicht kennte,

Wagt' ich doch dies zu behaupten gerad' auf die Forschung des Himmels

Und viel andere Gründe mich stützend: Mitnichten, so sag' ich,

Ist dies Wesen der Welt für uns von den Göttern erschaffen;

Allzusehr ist sie doch mit gewaltigen Mängeln behaftet.

 

Erstens soviel von der Erde des Himmels gewaltiger Umschwung

Deckt, ist der einzige Teil, der bewohnbar ist, teils von Gebirgen,

Teils auch von Wäldern mit Wild, von Felsen und weiten Morästen

Oder vom Meere besetzt, das die Säume der Länder getrennt hält.

Ferner entzieht beinah zwei Drittel den sterblichen Menschen

Hier die versengende Glut und dort der beständige Schneefall.

Was dann übrig verbleibt vom Ackerland, würde von selbst sich

Rasch wohl mit Disteln bedecken, wenn menschliche Kraft nicht dagegen

Kämpfte. Sie hat sich bequemt um des Lebens willen zu stöhnen

Über dem wuchtigen Karst und das Land mit dem Pflug zu bestellen.

Was wir an Keimen zum Lichte befördern, indem mit der Pflugschar

Fruchtbare Schollen wir wenden und furchen den Boden der Erde,

Könnte sich nicht von selbst in die flüssigen Lüfte erheben.

     Und doch, wenn nun auch alles, was mühsame Arbeit erstrebt hat,

Rings in den Landen ergrünet und herrlich erblühet, versengt oft

Übermäßige Hitze der feurigen Sonne die Saaten

Oder ein plötzlicher Regen verdirbt sie und eisiger Nachtfrost

Oder im Wirbelsturme zerstört sie das Wehen der Winde.

Ferner wozu nur nährt die Natur auf dem Land wie im Meere

Und vermehrt die entsetzliche Brut der gefährlichen Tiere,

Welche den Menschen bedrohn? Warum führt herbstliche Jahrzeit

Seuchen herbei? Und weshalb tritt oft vorzeitiger Tod ein?

Ferner das Kind! Wie der Schiffer, den wütende Wellen ans Ufer

Werfen, so liegt am Boden der Säugling, nackt und zum Leben

Jeglicher Hilfe entbehrend. Sobald die Natur aus der Mutter

Wehenerschüttertem Schoß ihn bringt in des Lichtes Gefilde,

Füllt er mit kläglichem Wimmern den Raum; das ist ja natürlich:

Hat er doch soviel Leids in dem Leben dereinst zu erwarten.

Anders hingegen das bunte Geschlecht der Schafe und Rinder

Und das wilde Getier. Sie wachsen und brauchen nicht Klappern

Noch auch der nährenden Amme gebrochenes Lallen und Kosen,

Brauchen kein Wechselgewand je nach der verschiedenen Jahrzeit.

Endlich der Waffen bedürfen sie nicht noch der ragenden Mauern,

Um den Besitz zu beschützen: denn allen erzeuget ja alles

Reichlich die Erde von selbst und der findige Trieb der Naturkraft.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 13:32:10 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.09.2005 
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