Nichtige Trauergedanken


»Nimmermehr wird dich dein Heim willkommen heißen und nimmer

Dir dein treffliches Weib und die lieblichen Kinder entgegen

Eilen mit Küssen, dein Herz mit inniger Wonne erfüllend; ein

Hort sein;

Ein unseliger Tag entriß ohn' alles Erbarmen

Alles dir Armen, was einst dein Leben so herrlich beglückte.«

Also klagt man, doch fügt man nicht zu: »Und du selber, du bist jetzt

Aller Sehnsucht ledig nach all dergleichen Genüssen.«

Sähen sie dies recht ein im Gemüt und liehen ihm Worte,

Könnten sie leicht ihr Herz von gewaltigen Ängsten erleichtern:

»Du wirst so, wie du jetzt im Tode entschlummert, auch künftig

Ruhen, erlöst von allen dich kränkenden Schmerzen und Nöten;

Doch wir standen dabei, als du auf dem schaurigen Holzstoß

Wurdest zu Asche verbrannt. Wir beweinten dich bitterlich; nie wird

Kommen der Tag, der den ewigen Gram aus den Herzen uns nähme.«

Hier nun darf man wohl fragen: »Was ist denn so Bittres geschehen?

Wenn doch die Sache auf Schlaf und auf ewige Ruhe hinausläuft,

Warum soll sich denn jemand in ewiger Trauer verzehren?«

     Öfter begegnet es auch, daß sich Leute beim Mahle beklagen,

Wenn sie, von Kränzen umschattet die Stirn, die Pokale erheben,

Recht so aus Herzensgrund: »Wie kurz, ach, dauert uns Menschlein

Dieser Genuß! Bald ist er dahin; nie kehrt er uns wieder.«

Gleichsam als ob in dem Tod dies wäre das gräßlichste Unglück,

Daß austrocknender Durst die Verstorbenen brenne und dörre

Oder nach ändern Genüssen noch stehe ihr heißes Begehren.

Aber wenn Seele und Leib gleichmäßig im Schlummer sich ausruhn,

Dann sorgt wahrlich doch niemand um seine Person und sein Leben.

Denn wir wären's zufrieden, auch ewig so weiter zu schlummern,

Und persönliche Wünsche berühren uns nimmer im Schlafe;

Und doch halten sich dann die Atome in unseren Gliedern

Noch durchaus nicht so weit entfernt von Erregung der Sinne;

Kann ja der Mensch doch von selbst, aus dem Schlummer erwacht,

 sich ermannen!

Also berührt uns der Tod weit weniger noch als wir glauben,

Wenn es ein Weniger gibt als das, was offenbar Nichts ist;

Denn es folgt auf den Tod stets größre Verwirrung des Stoffes

Und Zerstreuung. Noch nie ist jemand wieder erstanden,

Hat ihn erst einmal umfangen des Lebens eisiges Ende.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 03:07:39 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2005 
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