Todesangst der Menschen


Denn wenn häufig die Leute ein sieches und ehrloses Leben

Noch viel furchtbarer nennen als Tod in des Tartarus Reiche

Und das Wesen des Geistes als Blut zu erkennen vermeinen

Oder als Luft, falls ihnen beliebt auch dies zu behaupten,

Und man brauche dazu nicht im mindesten unsere Weisheit:

All dies, wirst du bemerken, verrät mehr prahlerisch Wesen,

Wie du aus folgendem siehst, als wirkliche Lebensbewährung.

Denn die nämlichen Leute, sobald sie verbannt aus der Heimat,

Aus der Gesellschaft gestoßen, mit schimpflichem Makel behaftet

Und von jeglichem Kummer bedrückt sind, leben doch weiter,

Schlachten, wohin sie auch immer im Elend gelangen, den Ahnen

Schwärzliche Schafe zum Opfer und senden den seligen Toten

Weihegüsse ins Grab und wenden den Sinn in dem Unglück

Noch viel eifriger jetzt zu den religiösen Gebräuchen.

     Drum empfiehlt es sich mehr, den wahren Charakter des Menschen

Zu erproben in widriger Zeit und in schweren Gefahren.

Dann erst hört man von ihnen die wirklichen Töne des Herzens

Aus der Tiefe sich ringen, es fallen die Masken: der Kern bleibt.

     Endlich die blinde Begierde nach Ehrenstellen und Reichtum

Treibt die erbärmlichen Menschen, sich über die Grenzen des Rechtes

Wegzusetzen, so daß sie als Helfer und Diener der Frevel

Oft bei Tag und Nacht mit erheblicher Mühsal streben,

Aufzusteigen zum Gipfel der Macht; das sind Wunden des Lebens,

Die von der Angst vor dem Tode zum größeren Teile sich nähren.

Denn die bittere Not und der Schimpf der Verachtung erscheinen

Unvereinbar zumeist mit behaglichem, sicherem Dasein,

Ja, sie scheinen bereits vor den Pforten des Todes zu lauern.

Darum wollen die Leute, die eingebildete Angst treibt,

Solchen Geschicken entfliehen und weit sich von ihnen zurückziehn.

So vergießen sie Bürgerblut, um sich Geld zu erraffen,

Doppeln den Reichtum mit Gier und begehen Morde auf Morde,

Freuen sich bar des Gefühls am Trauersarge des Bruders,

Und sie betrachten mit Haß und mit Angst den Tisch der Verwandten.

     Diese Angst ist nun häufig in ähnlicher Weise die Quelle

Quälenden Neides: sie klagen, dort jenen allmächtig zu sehen,

Jenen beachtet, dieweil er im Glänze der Würden einhergeht,

Während sie selber verachtet im Kot und im Dunkel sich wälzen.

Mancher auch stürzt in den Tod im Rennen nach Namen und Denkmal.

Häufig sogar faßt Ekel am Leben und Wandeln im Lichte

Just aus bebender Angst vor dem Tode die Menschen, so daß sie

Selber im Jammer des Herzens mit eigener Hand sich entleiben,

Ohne zu denken, daß grade der Angst ihr Jammer entquelle.

Angst verleugnet die Scham, bricht Bande innigster Freundschaft,

Angst verletzt die heiligste Pflicht in krasser Gemeinheit.

Haben doch oft schon die Menschen, die Acherons Schlund zu entgehen

Suchten, ihr Vaterland und die teuren Eltern verraten.

Denn wie in dunkeler Nacht die Kindlein zittern und beben

Und vor allem sich graulen, so ängstigen wir uns bisweilen

Selbst am Tage vor Dingen, die wahrlich nicht mehr sind zu fürchten,

Als was im Dunkel die Kinder befürchten und künftig erwarten.

     Jene Gemütsangst nun und die lastende Geistesverfinstrung

Kann nicht der Sonnenstrahl und des Tages leuchtende Helle

Scheuchen, sondern allein der Natur grundtiefe Betrachtung.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 07:49:51 •
Seite zuletzt aktualisiert: 13.09.2005 
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