Theorie der Gesichtstäuschungen


Aber ich räume nicht ein, daß ein Irrtum der Augen hier vorliegt.

Denn ihr einzig Geschäft ist den Ort, wo Schatten und Licht sich

Findet, zu sehen; jedoch ob das Licht auch immer dasselbe,

Ob der Schatten, der hier sich befand, jetzt anderswo hingeht

Oder die Sache vielmehr wie oben gesagt sich verhalte,

Dies zu entscheiden befugt ist allein des Verstandes Erwägung.

Denn zum Wesen der Dinge vermag kein Auge zu dringen;

Deshalb bürde dem Auge nicht auf des Verstandes Verirrung.

     Fährt man im segelnden Schiffe, so scheint dies stille zu stehen,

Jenes jedoch, das ankert im Port, vorüberzufahren,

Auch die Hügel und Felder uns heckwärts rasch zu entfliehen,

Während mit Rudern und Segeln an ihnen vorüber wir fliegen.

     Scheinen die Sterne uns nicht an das Himmelsgewölbe geheftet

Sämtlich stille zu stehn? Und sie sind doch in steter Bewegung.

Denn sie steigen empor, und wenn sie mit leuchtendem Körper

Über den Himmel gezogen, verschwinden sie fern beim Hinabgang,

Ebenso bleiben Sonne und Mond an derselbigen Stelle,

Wie es uns scheint, doch die Wirklichkeit lehrt, daß sich beide bewegen.

     Fern aus dem Strudel des Meers zwei Klippen sich heben. Dazwischen

Dehnt sich für Flotten sogar frei aus die geräumige Durchfahrt;

Und doch scheinen sie beide vereint ein Eiland zu bilden.

     Wirbeln sich Knaben herum, so scheinen danach, wenn sie stillstehn,

Ihnen die Säulen des Hofs sich im Kreise zu drehn und zu tanzen,

Ja, kaum können sie's fassen, daß ihnen nicht über den Häuptern

Auch noch drohe das Dach ringsum zusammenzustürzen.

 

Wenn die Natur nun beginnt mit flimmerndem Lichte das Frührot

Über die Berge empor und hoch zum Himmel zu heben,

Ist das Gebirg, deß Gipfel die Sonne dir scheint erklimmen

Und ganz nahe erglimmend mit feuriger Glut zu umlodern,

Kaum doch entfernt von uns zweitausend Schüsse des Pfeiles

Oder bisweilen auch nur fünfhundert Würfe des Speeres.

Nun liegt zwischen dem Berg und der Sonne das riesige Weltmeer,

Dessen Spiegel bestrahlt das unendliche Äthergefilde;

Und da liegen zudem viel tausend Länder dazwischen,

Die gar mannigfach Volk und Geschlechter der Tiere bevölkern.

     Doch in der Wasserlache, die kaum in der Höhe des Fingers

Stehn bleibt zwischen den Steinen im Straßenpflaster, gewinnt man

Ebenso tief in die Erde hinab unermeßlichen Einblick,

Wie die unendliche Kluft von der Erde zum Himmel sich dehnet;

Wolken glaubst du darin und die Himmelskörper zu sehen,

Unter der Erde versteckt wie in einem verzauberten Himmel.

     Wenn uns mitten im Strome das feurige Roß nicht vorankommt

Und wir hinab dann sehn in die reißenden Wogen des Flusses,

Scheint uns der Körper des Tiers, obwohl es doch steht, durch die

Strömung

In die Quere gestellt und dem Strom entgegen getrieben.

Und wohin wir den Blick nun spähend werfen, erscheint uns

Alles auf ähnliche Weise in strömendem Flusse begriffen.

     Weiter, der Säulengang zeigt zwar gleichmäßige Führung,

Da er ja beiderseits fortlaufend auf Säulen sich stützet,

Aber sobald man von oben die Länge des Ganzen hinabschaut,

Zieht er zur Kegelspitze sich mählich verengend zusammen;

Eins wird die Linie des Dachs und des Bodens, die linke und rechte,

Bis sie am Ende verläuft in des Kegels verschwommenen Endpunkt.

     Auf dem Ozean scheinet den Schiffern die Sonn' aus den Wogen

Aufzusteigen und dann in den Wogen auch unterzugehen.

Freilich sie sehen ja dort nichts andres als Himmel und Wasser.

Hüte dich drum leichtfertig an Sinnestäuschung zu glauben.

Ja, wer der See nicht kundig, wird glauben, die Schiffe im Hafen

Hätten den Steven gebrochen und kämpften schwer mit den Wellen.

Denn an den Rudern erscheint, was oberhalb liegt von der Salzflut,

Alles gerade zu sein wie die oberen Teile des Steuers;

Was dagegen hinab in die Flut taucht, scheint wie gebrochen

Alles verkehrt und nach oben gedreht die Flächen zu wenden,

Ja, durch die Beugung fast auf dem Spiegel des Wassers zu schwimmen.

     Führen zur nächtlichen Stunde die Winde zerrissene Wolken

Über den Himmel dahin, dann scheinen die funkelnden Sterne

Gegen die Wolken zu laufen und ganz verschiedene Bahnen

Dort in der Höhe zu ziehen als wie sie sich wirklich bewegen.

     Wenn wir vielleicht mit der Hand ein Auge von unten nach oben

Drücken, so haben wir hier ein Gefühl, als sähen wir doppelt

Alle die Gegenstände, die unserem Bliche begegnen:

Doppelt erscheint uns das Licht, das hell aus den Leuchtern erblühet,

Doppelt auch sonstig Gerät, das überall steht in dem Hause,

Doppelt der Menschen Gesicht und doppelt auch ihre Gestalten.


 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 00:44:57 •
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