Geschmacksverschiedenheit


Jetzt nun will ich erklären, warum uns die Speise verschieden

Vorkommt oder warum den einen abscheulich und bitter

Schmeckt, was den ändern durchaus nur lieblich möchte erscheinen.

Und da zeigt die Verschiedenheit sich so groß und der Abstand,

Daß was dem einen zur Nahrung, dem andern zum Gifte gereichet.

So ist's wie bei der Schlange, die, wenn sie der menschliche Speichel

Trifft, dem Tode verfällt und sich selbst durch Bisse vernichtet.

So ist die Nieswurz auch für uns scharf wirkendes Giftkraut,

Doch für die Böcke und Wachteln ein fettansetzender Nährstoff.

     Aber damit du erkennest, wodurch dergleichen geschehn kann,

Mußt du vor allem an das, was ich früher gesagt, dich erinnern,

Daß Keimstoffe sich finden in allem, die vielfach gemischt sind,

Ferner daß alles, was lebt und von Speise sich nährt, schon von außen

Große Verschiedenheit zeigt und daß gattungsweise gesondert

Äußere Körperform in begrenzende Schranken sie einschließt.

Somit bestehen sie auch aus Keimen verschiedener Bildung.

     Da nun ferner die Keime verschieden sind, müssen auch jene

Zwischenräume und Gänge, die wir als die Poren bezeichnen,

Ungleich sein in den Gliedern und so in dem Mund und im Gaumen.

Folglich muß es auch hier bald größre, bald kleinere geben,

Manche in Dreiecksform und andre gestaltet als Viereck,

Viele sind rund und manche in vielerlei Weisen ein Vieleck.

Denn wie die Art der Gestalten und ihre Bewegung es fordern,

Danach müssen sich auch die Figuren der Poren verschieben

Und sich die Gänge verändern je nach des Gewebes Umhüllung.

So kann bitter den einen erscheinen, was anderen süß schmeckt.

Wem's süß schmeckt, dem müssen die glattesten Stoffelemente

Gleichsam zärtlich kosend die Höhlen des Gaumens betreten;

Doch wem bitter im Munde es schmeckt, was dem anderen süß dünkt,

Dessen Kehle betreten nur rauhere Hakenatome.

     Hieraus ist's nun leicht auch das einzelne kennenzulernen.

So wenn einer das Fieber bekommt, weil er Galle zuviel hat,

Oder aus anderem Grund ein Leiden mit Macht ihn gepackt hat,

Dann wird der Körper sofort von oben bis unten zerrüttet

Und es ändert sich völlig die Lage der Urelemente.

So kommt's, daß die Stoffe, die früher den Sinnen gefielen,

Jetzt mißfallen und andre nun mehr willkommen erscheinen,

Welche den bittern Geschmack im Mund zu erzeugen instand sind.

Denn in dem Honiggeschmack ist beides zusammen vereinigt,

Was ich dir oben schon öfter des Näheren habe bewiesen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2005 
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