Entstehung der Farbe


Wenn sodann die Natur der Atome als farblos erwiesen,

Aber zugleich die verschiedene Form der Gestalten erkannt ist,

Die erst allerhand Dinge mit wechselnden Farben entstehn läßt,

Wenn es sodann gar wichtig erscheint, in welcher Verbindung

Diese Körperchen stehen und wie die wechselnde Lage

Sich zueinander gestaltet und gegenseit'ge Bewegung,

Kannst du sofort auch leicht die Erklärung geben, warum sich

Das, was kurz vordem noch schwarz ist gewesen, nun plötzlich

Glänzend weiß wie ein Marmorblock zu zeigen imstand ist,

Wie sich das Meer, wenn die Fläche durch mächtige Stürme

gepeitscht wird,

Wandelt in weißliche Flut von der glänzenden Farbe des Marmors.

Folgendes kannst du sagen: was wir so gewöhnlich als schwarz sehn,

Wird, sobald sich sein Urstoff mischt und die Ordnung sich ändert

In den Atomen, und dies noch hinzukommt, jenes davongeht,

Alsobald sich wandeln, so daß es zum glänzenden Weiß wird.

     Wenn hingegen die Fluten des Meeres aus blauen Atomen

Wären zusammengesetzt, dann könnten sie nimmer sich hellen.

Bläuliche Stoffe, du magst sie auch noch so sehr rütteln und schütteln,

Können sich nimmermehr in des Marmors Weiße verfärben,

Wären dagegen in Farbe verschieden die Urelemente,

Welche dem Meere verleihen den einheitlich reinen Gesamtton,

Wie man wohl oft ein Quadrat aus ändern verschiednen Figuren

So kann bilden, daß draus ein einheitlich Ganzes entstehe:

Ja, dann müßten wir wohl, wie wir jene verschiednen Figuren

Im Quadrate erkennen, so auch in den Fluten des Meeres

Oder in sonstigen Dingen von einheitlich reinem Gesamtton

Mannigfache und grell abstechende Farben erkennen.

Übrigens ist die verschiedene Form kein hinderndes Hemmnis

Für die Figur, um von außen trotzdem als Quadrat zu erscheinen;

Aber verschiedener Ton in der Färbung der einzelnen Dinge

Wirkt so hemmend ein, daß die Einheit fehlt im Gesamtton.

 

Nichtig ist auch noch der weitere Grund, der uns öfter verleitet,

Färbung zuzuerkennen den Urelementen der Dinge.

Denn aus Weißem entsteht nicht etwa wiederum Weißes

Noch aus Schwarzem das Schwarze, vielmehr aus verschiedenen Farben.

Ist es denn nicht viel leichter, das Weiße gebildet zu denken

Aus farbloser Materie, als wenn es aus schwarzer entstünde

Oder aus anderen Farben, die völlig entgegengesetzt sind?

 

Außerdem, da die Farben nicht ohne das Licht sind zu denken,

Während die Grundelemente doch stets sich dem Lichte entziehen,

Lernt man daraus, daß sie nicht mit der Hülle der Farben bedeckt sind,

Denn was könnte die Farbe in lichtlosem Dunkel bedeuten?

Ändert sie doch in dem Lichte sich selbst, da sie anders zurückstrahlt,

Je nachdem sie das Licht schräg oder gerade von vorn trifft.

     Wie buntschillernd erglänzt in der Sonne das Taubengefieder,

Das um den Nacken sich legt und den Hals im Kranze umsäumet!

Bald erstrahlt es wie heller Rubin in rotem Gefunkel,

Bald bei bestimmtem Blicke erscheint uns der Glanz des Gefieders,

Wie wenn blauer Azur sich vermische mit grünen Smaragden.

     Auch in dem Schweife des Pfauen erblickt man, sobald er dem vollen

Licht entgegen ihn wendet, den ähnlichen Wechsel der Farben.

Da nun diese entstehn durch gewisse Bestrahlung des Lichtes,

Lernt man daraus, daß sie ohne das Licht zu entstehn nicht vermögen.

     Und in der Tat empfängt die Pupille, die, wie man sich ausdrückt,

Weiße Farbe empfindet, ganz andersartige Reize,

Als dann, wenn sie die schwarze empfindet und sonstige Farben.

Auch beim Betasten der Dinge verschlägt nichts, wie sie gerade

Sind mit Farbe versehn, doch sehr, wie ihre Gestalt ist.

Also lernt man: Atome bedürfen durchaus nicht der Farbe,

Sondern verschiedner Gestalt, die verschieden wirkt auf den Tastsinn.

 

Da nun ferner nicht immer das Wesen der Farbe sich bindet

An die bestimmten Gestalten, und alle Atomengebilde

Können vorhanden sein in jedem beliebigen Farbton,

Weshalb sind nicht in jeglicher Gattung des Urstoffs Geschöpfe

Allüberall überzogen mit Farben von allerlei Arten?

Denn sonst müßten wohl auch bisweilen die fliegenden Raben

Weißlichen Farbenschein aus weißem Gefieder verbreiten,

Müßten aus schwärzlichem Keime auch schwärzliche Schwäne entstehen

Oder sonstwie getönt, bunt oder von einerlei Farbton.

     Ja auch ein jegliches Ding, je mehr du in winzige Stückchen

Solches zerspaltest, verblaßt, wie du deutlich zu sehen imstand bist,

Und es erlöscht allmählich die frühere Farbenerscheinung.

So beim Purpurgewand. Zerfasert man dieses in kleine

Fädchen, verliert sich der Purpur (auch selbst bei der glänzendsten Marke,

Die Phönizien schickt), sobald nur die Fäden zerzupft sind.

Daraus kannst du ersehn, daß längst die vereinzelten Fäden

Jegliche Farbe verlieren, bevor sie zergehn in Atome.

     Endlich gestehst du wohl zu, daß nicht sämtliche Körper Gerüche

Oder Töne entsenden. Drum wirst du nimmer geneigt sein,

Durchweg sämtlichen Körpern Gerüche und Töne zu leihen.

Also lernt man daraus, da nicht alles zu sehn uns vergönnt ist,

Daß es auch einiges gibt, was ohne die Farbe bestehn kann,

Wie es ja anderes gibt, was tonlos oder geruchlos.

Aber ein spürsamer Geist kann dies nicht minder erkennen

Als er das andre begreift, deß andere Dinge ermangeln.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 13.09.2005 
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