Unterschied des Lebenden und Leblosen


Eh' ich jedoch nun beginne, hierüber Orakel zu spenden,

Die viel sichrer begründet und heiliger sind als die Sprüche,

Welche die Pythia spricht von Apollos Dreifuß und Lorbeer,

Will ich dir menschlichen Trost aus dem Munde der Wissenschaft bieten,

Daß du nicht etwa geschreckt durch religiöse Bedenken

Wähnest, Himmel und Erde und Meer, Mond, Sonne und Sterne

Müßten als göttliche Körper deswegen in Ewigkeit dauern,

Und du nicht meinest, es müßten nun alle nach Art der Giganten

Schreckliche Strafen erleiden für unausdenkbaren Frevel,

Welche mit ihrer Vernunft die Weltenmauern zu stürzen

Und an dem Himmel versuchten die leuchtende Sonne zu löschen.

Sie, die mit sterblichem Munde Unsterbliches wagten zu schwärzen!

Sind doch Körper wie diese so ferne von göttlichem Wesen

Und verdienen so wenig zum Kreise der Götter zu zählen,

Daß sie vielmehr den Begriff von Stoffen uns können vermitteln,

Welche der Lebensregung und Sinnesempfindung entbehren.

     Denn es ist ganz unmöglich zu glauben, daß geistiges Wesen

Oder Vernunft sich verbinde mit jedem beliebigen Stoffe:

Wie in dem Äther kein Baum, kein Gewölk in der salzigen Meerflut

Sein kann, wie auf den Feldern kein Fisch sein Leben mag fristen,

Wie kein Blut aus dem Holz, kein Saft aus dem Steine kann fließen,

Sondern für jedes der Ort ist bestimmt, wo es wachsen und sein darf.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 07:57:41 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright