Gegen den Kreationismus


Weiter, wenn erst nach Vollendung des Körpers unserer Seele

Lebenskraft für gewöhnlich in unsere Leiblichkeit eindringt

Bei dem Akt der Geburt, sobald wir die Schwelle des Lebens

Überschreiten, dann könnt' es sich nie und nimmer begeben,

Daß sie mit Leib und mit Gliedern zugleich im Blute erwüchse,

Sondern sie müßte dann wohl für sich selbst wie im Käfige leben;

Trotzdem müßte der Leib mit Empfindung völlig gefüllt sein.

     Also (ich sag' es noch einmal): die Seelen sind nicht der Entstehung

Unteilhaft, wie man wähnt, noch befreit vom Gesetz der Vernichtung.

Denn sie hätten wohl nie sich so innig an unsere Körper

Anzuschmiegen vermocht, wenn von außen sie ein sich geschlichen.

Aber es liegt ja vor Augen, daß grade das Gegenteil wahr ist.

Denn in den Adern und Nerven, dem Fleisch und den Knochen ist jene

Bindung so innig, daß selbst die Zähne Empfindung besitzen,

Wie uns das Zahnweh lehrt und der Schauder vor eisigem Wasser,

Oder wenn plötzlich erknirscht ein härtlicher Stein aus dem Brote.

Da nun die Seelen so innig verwoben sind, können sie nimmer

Heil aus dem Körper entweichen und ungefährdet sich lösen

Aus dem Verbande mit allen den Nerven und Knochen und Gliedern.

     Wenn du nun etwa glaubst, von außen her schlüpfe gewöhnlich

Unsere Seele hinein und ströme von hier in die Glieder:

Nun, dann muß um so mehr sie zugleich mit dem Körper vergehen,

Denn was strömt, das löst sich auch auf; so geht es auch unter;

Denn sie verteilt sich im Körper durch alle seine Kanäle.

Wie die Speise vergeht, die in alle Gelenke und Glieder

Fein sich verteilt, und aus ihr sich ein anderes Wesen entwickelt,

So wird Seele und Geist, selbst wenn sie heil in den Körper

Treten, sich doch im Zerfließen von selbst auflösen, indessen

Wie durch Kanäle hindurch sich in sämtliche Glieder verteilten

Jene Atome, aus denen sich bildet das Wesen der Seele,

Die zwar in unserem Leib jetzt herrschen wird, aber erzeugt ist

Aus der Seele, die bei der Geburt durch Verteilung zugrund ging.

Hieraus kann man erseh'n, daß dem Wesen nach unserer Seele

Nicht der Geburtstag fehlt noch die traurige Todesstunde.


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