Schwer ist die Flucht vor der Liebe


Das sind die Leiden, die selbst in der treuesten, glücklichsten Liebe

Stets sich finden: doch sind sie nun gar im Falle des Unglücks

Zahllos, daß man sogar bei geschlossenen Augen sie sehn muß.

Drum ist's besser vorher, wie ich lehrte, darüber zu wachen

Und sich beizeiten zu hüten, damit man dem Netze entgehe.

Denn es ist weniger schwer die Schlingen der Liebe zu meiden

Als, wenn man einmal gefangen im Netz, daraus zu entkommen

Und zu zerreißen die Knoten, die Venus so kräftig geknüpft hat.

     Gleichwohl kannst du vielleicht, obgleich schon verstrickt und gefesselt,

Doch noch dem Feinde entfliehn, wenn du dir nicht selber im Wege

Stehst und wofern du nicht Nachsicht übst bei Fehlern der Seele

Oder auch Fehlern des Leibes, die bei der Geliebten sich finden.

Denn so machen's die Leute zumeist, wenn die Liebe sie blind macht,

Daß sie den Lieblingen Reize, die gar nicht vorhanden sind, leihen.

Vielfach sehen wir so, daß verwachsene, häßliche Mädchen

Doch noch Gefallen erwecken und höchlichst werden gepriesen.

     Da lacht einer des ändern, man rät, sie sollten der Venus

Zorn versöhnen, dieweil an so scheußlicher Liebe sie kranken.

Und doch sehen die Ärmsten oft nicht ihr schwereres Unglück!

Ist sie schwarz, dann heißt sie »brünett« und die schmutzige »einfach«,

Die grauäugige »Pallas«, »Gazelle« die knochige, trockne,

Ist sie von zaghaftem Wuchs, heißt »zierlich« sie, »eine der Grazien«,

Aber ein Riesenweib hat »majestätische Würde«,

Redet sie stammelnd, so »lispelt sie süß«, die Stumme ist »schüchtern«,

Ist sie heftig, gehässig und schwatzhaft, nennt man sie »feurig«,

»Zart ist das liebe Geschöpf«, das vor Magerkeit kaum mehr kann leben,

»Schlank gewachsen« ist jene, die fast schon am Husten gestorben,

»Ceres, Iakchos nährend« ist eine von vollerem Busen,

»Satyra« heißt Stumpfnase, und »Küßchen«, die wulstigen Mund hat.

Wollt' ich noch mehr dergleichen erwähnen, es wäre unendlich.

     Aber gesetzt auch, es gäbe die Maid mit dem herrlichsten Antlitz,

Deren sämtlichen Gliedern entströmte der göttlichste Liebreiz,

Neben ihr gibt's auch noch andre, nicht wahr? Wir lebten ja früher

Ohne sie und - wir wissen, sie macht, was die Häßliche auch tut:

Räuchert sich selbst, die Arme! den Schoß mit widrigen Düften,

Daß die Zofen sie fliehn und verstohlener Weise verlachen.

     Doch der Liebende steht an verschlossener Türe oft weinend,

Schmückt sie mit Blumengewinden und sprengt all die Pfosten der

Spröden

Majoranöl und bedeckt die Pforte mit Küssen, der Arme!

Läßt sie ihn ein und trifft ihn ein einziges Lüftchen beim Eintritt,

Sucht er gewiß bald wieder zum Abschied schicklichen Vorwand.

Sein so langüberlegtes, dem Herzen entsprungenes Klaglied

Fällt nun ins Wasser. Er zeiht sich der Torheit, weil er nun einsieht,

Mehr ihr gehuldigt zu haben als sterblichen Menschen gebühret.

Das ist auch unseren Schönen bekannt. Drum suchen sie eifrig

Alles, was hinter der Szene geschieht, vor denen zu bergen,

Die sie länger noch wünschen in Liebesbanden zu halten.

Doch umsonst. Du vermagst ja gewiß mit den Augen des Geistes

Alles ans Licht zu ziehn und hinter die Schliche zu kommen,

Und, wenn sie sonst nur braven Gemüts und nicht zänkisch ist, mag man

Wiederum Nachsicht üben und menschlicher Schwäche verzeihen.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 18:03:48 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2005 
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