Lennox, Don Quixote im Reifrocke, oder die abenteuerlichen Begebenheiten der Romanenheldin Arabella


[Charlotte Lennox:] Don Quixote im Reifrocke, oder die abenteuerlichen Begebenheiten der Romanenheldin Arabella. Aus dem Englischen übersetzt. Hamburg und Leipzig, bei G. C. Grund und A. H. Holle 1754. in 8V. 1 Alphb. 18 Bogen. Nachdem Cervantes die ungeheuern Ritterbücher durch seinen Don Quixote mit vielem Glücke lächerlich gemacht hatte, fiel, man, besonders in Frankreich, auf eine andre Art von Romanen. Man schrieb große Bände, worinne man die Helden des Altertums auftreten ließ, und gar bald war fast kein Name eines alten Königs, oder einer andern sonst berühmten Person, mehr zu finden, welcher nicht von einer arbeitsamen Scudery oder einem erhabnen Calprenede wäre gemißhandelt worden. Der Geschmack an diesen Werken erhielt sich, der Spöttereien des Boileau und der sinnreichen Parodie, la fausse Clelie, ungeachtet, ziemlich lange, bis ihn endlich einige glückliche Geister verdrängten, welche mit der schönen Natur besser bekannt waren, und uns in ihren wahrhaften Romanen nicht unsinnige Hirngeburten, sondern Menschen schilderten. Marivaux, und seine noch glücklichern Nachfolger, Richardson und Fielding, sind es, welche jetzo mit Recht in dieser Sphäre des Witzes herrschen, und es ist zu wünschen, dass sie die einzigen wären, welche gelesen würden, wenn man einmal Romane lesen will. Ohne Zweifel wird auch dieser weibliche Don Quixote das seinige zur völligen Verbannung jener abenteuerlichen Galanterien beitragen, welche für das eitle und empfindliche Herz einer jungen Schöne nur allzu einnehmend und verführerisch sind. Die Verfasserin desselben ist ein Frauenzimmer, welchem man echten Witz und alles was zu Verfertigung einer anmutigen Schrift gehöret, nicht absprechen kann. Die Heldin ihres Romans betrachtet die Welt aus keinem andern Gesichtspunkte, als woraus Scudery sie ihr vorstellt, und bildet sich ein, dass die Liebe die Hauptleidenschaft der Menschen und die Triebfeder aller ihrer Handlungen sei. Nach diesen phantastischen Begriffen handelt sie, ohne jemals ihren Charakter zu verleugnen oder unwahrscheinlich zu werden. Alle ihre Torheiten hängen aneinander und jedes Abenteuer ist mit der größten Wahrheit der Romanen geschrieben. Ihre Vertraute, die Lucia, spielt zwar keine so schimmernde Rolle als Sancho Pansa; sie tritt nicht so oft auf, als dieser Waffenträger, wann sie aber erscheint so findet man in ihren Reden eben die natürliche Einfalt, wodurch jene gefällt, ob sie gleich auf eine andre Art, und nicht in Sprüchwörtern ausgedrückt ist. Langweilige Zwischenerzählungen, womit der spanische Roman angefüllt ist, wird man nicht darinne finden, so dass überhaupt das Urteil welches der beste Romanenschreiber unserer Zeit davon gefällt hat, nicht unverdient scheinen wird, dass nämlich dieser weibliche Don Quixote einem jeden klugen Leser einen vernünftigen und ergötzenden Zeitvertreib machen könne, in welchem er Unterricht und Vergnügen antreffen werde. Kostet in den Vossischen Buchläden 14 Gr.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 27.02.2006 
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