Zeit ohne Leidenschaft


Laß andre darüber klagen, dass die Zeit böse sei: ich klage darüber, dass sie jämmerlich ist, denn sie ist ohne Leidenschaft. Die Gedanken der Menschen sind dünn, zart und hinfällig, wie Spitzen, welche selbst so bemitleidenswert sind, wie die armen Spitzenweberinnen. Ihre Herzensgedanken sind zu erbärmlich, um böse und sündhaft zu sein. Für einen Wurm würde es vielleicht als Sünde gelten können, solche Gedanken zu hegen, nicht für einen Menschen, welcher nach Gottes Bilde geschaffen ist. Ihre Lüfte sind gemessen und mattherzig, ihre Leidenschaften schläfrig. Sie tun ihre Pflicht, diese Krämerseelen, erlauben sich aber doch, hierin den Juden ähnlich, die Gold- und Silbermünzen ein bißchen zu beschneiden; sie meinen, daß, auch wenn unser Herrgott noch so ordentlich Buch führe, man dennoch insgeheim ihn schon ein wenig anführen könne. Pfui über sie! Daher wendet meine Seele sich immer zum Alten Testamente und zu Shakespeare zurück. Da empfindet man doch: das sind Menschen, die da reden; da haßt man, da liebt man, bringt seinen Feind um, verflucht seine Nachkommen durch alle Geschlechter hindurch; da sündigt man.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
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