Willkür und Abwechslung als erste Regel der sozialen Klugheitslehre


Die erste Regel der sozialen Klugheitslehre ist also, man variiere in gewissem Grade mit dem Lande - denn wollte man nur mit einem Menschen zusammenleben, so würde es mit der Wechselwirtschaft traurig aussehen; ungefähr so, wie wenn ein Landmann mir einen kleinen Acker hätte und daher niemals - was ja so unendlich wichtig ist - brachen könnte. Und die zweite Regel der sozialen Klugheitslehre - das eigentliche Geheimnis derselben - ist diese: man variiere auch stets mit sich selber. Zu dem Ende muß man stets die Stimmungen beherrschen können. Zwar wird man sie nie hervorbringen können, wann man will, das ist nicht möglich, aber die Klugheit lehrt, den Augenblick zu ergreifen, die Zeit auszukaufen.

Wie ein erfahrener Seemann stets forschend das Wasser und die Wolken betrachtet, und es schon vorher weiß, dass ein Sturm losbrechen wird, so muß man auch die Stimmungen immer etwas vorhersehen. Wir müssen es wissen, wie diese auf uns selber und auf andere wirken, noch ehe sie bei uns einkehren und Wohnung in uns machen. Man streicht die Instrumente erst, um reine Töne hervorbringen zu können, und je mehr man sich übt, um so leichter wird man sich davon überzeugen, dass in der Seele eines Menschen viele Töne schlummern, die des Künstlers Hand hervorzaubern kann.

Das ganze Geheimnis liegt in der Willkür. Man glaubt ja oft, willkürlich sein sei keine Kunst, und doch setzt es ein tiefes Studium voraus, wenigstens wenn man in dem Sinne willkürlich werden will, dass man sich nicht selber darin verirrt, sondern dass man auch Freude daran hat. Man genießt nicht unmittelbar, sondern etwas ganz anderes, was man selber willkürlich hineinlegt. Man sieht nur einen oder den andern Akt eines Schauspiels; man liest den dritten Teil eines Buches. Das bereitet einen ganz andern Genuß als den, welchen der Verfasser einem freundlichst zugemessen hat.

Ich will ein Beispiel anführen. Ich kannte einen Menschen, mit dem ich durch äußere Lebensverhältnisse verbunden war, und dessen Gespräche ich daher nolens volens oft anhören mußte. Er langweilte mich mit seinen kleinen philosophischen Vorträgen gründlich. Ich war her Verzweiflung nahe, als ich plötzlich endeckte, dass er beim Sprechen ungewöhnlich stark schwitzte. Das zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich sah es, wie die Schweißperlen sich auf seiner Stirn sammelten, sich dann zu einem Bach vereinigten, an seiner Nase herabströmten und in einem tropfenförmigen Körper endigten, der an der äußersten Spitze der Nase hängen blieb. Von diesem Augenblick an war alles anders, ja nun hatte ich meine Freude an seiner Unterhaltung und konnte ihn sogar zu seinen philosophischen Exkursionen ermuntern, nur um den Schweiß auf seiner Stirne und an seiner Nase beobachten zu können.

Es ist äußerst angenehm, so die Realitäten des Lebens sich in einem willkürlichen Interesse indifferentieren zu lassen. Man macht etwas Zufälliges zum Absoluten und als solches zum Sujet absoluter Bewunderung. Das wirkt besonders gut, wenn die Geister in Bewegung sind. Je konsequenter man an der Willkür festhält, um so interessanter werden die Kombinationen. Der Grad der Konsequenz erweist es immer, ob man ein Künstler oder - ein Pfuscher ist. Das Auge, mit welchem man das wirkliche Leben ansieht, muß sich stets ändern.

Die Neu-Platoniker nahmen an, dass die Menschen, die auf Erden weniger vollkommen gewesen seien, nach dem Tode in mehr oder weniger unvollkommene Tiere oder pflanzen verwandelt würden, ganz nach ihren Verdiensten. Detaillisten z.B. werden zu Bienen. Eine solche Lebensanschauung, die hier auf Erden alle Menschen in Tiere oder Pflanzen verwandelt sieht, bietet eine reiche Abwechslung dar. Ich habe von einem Maler gehört, der jeden Menschen zu einem Tier idealisierte. Seine Methode hat den Fehler, dass sie zu ernst ist und eine wirkliche Ähnlichkeit zu entdecken sucht.

Mit der Willkür in uns selber korrespondiert der Zufall um uns her. Wir müssen daher immer ein offenes Auge für das Zufällige haben, immer expediti sein, wenn uns etwas begegnet. Die sogenannten geselligen Freuden, auf welche man sich acht bis vierzehn Tage vorbereitet, haben nicht viel zu bedeuten; dagegen kann selbst das Unbedeutendste durch einen Zufall reichen Stoff zur Unterhaltung bieten. Auf Details kann man sich hier nicht einlassen, das ist keiner Theorie möglich. Selbst die ausführlichste Theorie ist doch nur Armut dem gegenüber, was das Genie in seiner Ubiquität leicht entdeckt.


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