Die moderne Antigone


Während nun die griechische Antigone sorglos dahinlebt, so daß, wäre nicht das neue Faktum hinzugetreten, man sich ihr Leben in seiner stufenweisen Entfaltung sogar als ein glückliches vorstellen dürfte, so ist dagegen das Leben unsrer Antigone wesentlich zu Ende. Ich habe sie gar nicht dürftig ausgestattet; wie man sagt, dass ein gutes Wort am rechten Orte goldenen Äpfeln gleicht in silbernen Schalen, so möchte ich sagen, dass ich hier des Leides Frucht in die Schale des Schmerzes gelegt. Ihre Aussteuer besteht nicht in eitler Pracht, welche Motten und Rost verzehren können; es ist ein unvergänglicher Schatz, nach welchem Diebeshände nicht graben und ihn stehlen können: dafür wird sie selbst zu wachsam sein. Ihr Leben entfaltet sich nicht wie das der griechischen Antigone; es ist nicht nach außen, sondern nach innen gekehrt; die Szene liegt nicht draußen, sondern drinnen: es ist eine Geisterszene. Sollte es mir noch nicht gelungen sein, euer Interesse, liebe Symparanekrômenoi, für eine solche Jungfrau zu gewinnen? oder soll ich meine Zuflucht zu einer captatio benevolentiae nehmen? Auch meine Antigone gehört nicht der Welt an, in welcher sie lebt. Wenn auch blühend und gesund, ist doch ihr eigentliches Leben ein verborgenes; auch sie ist, wiewohl lebend, in einem andern Sinne gestorben; stille ist ihr Leben und verborgen; die Welt hört auch nicht ihr Seufzen: denn die Seele ist verborgen im Kämmerlein ihres Innersten. Ich brauche nicht zu bemerken, dass sie nichts weniger als ein schwaches und kränkliches Frauenzimmer ist; im Gegenteil, sie ist stolz und tatkräftig. Vielleicht gibt es nichts, was einen Menschen so adelt, als wenn er ein Geheimnis bewahren kann. Dies teilt seinem ganzen Leben eine Bedeutung mit, welche es doch allein für ihn selbst haben kann; dies erlöst ihn von jeder klüglichen Rücksicht auf die Umgebungen; sich selber genug, ruht er in seinem Geheimnis, was man beinahe sagen kann, auch wenn sein Geheimnis das unseligste wäre. So ist Antigone. Sie ist stolz auf ihr Geheimnis, stolz, dass sie auserwählt ist, die Ehre des Ödipischen Geschlechts auf sehr eigentümliche Weise zu retten; und während das dankbare Volk dem Ödipus Dank und Preis zujubelt, wird sie ihrer eignen Bedeutung voll inne, und ihr Geheimnis senkt sich tiefer und tiefer in ihre Seele, immer unzugänglicher für jedes lebende Wesen. Sie fühlt, wieviel in ihre Hand gelegt ist; und hierdurch bekommt sie die übernatürliche Größe, welche erforderlich ist, um tragisch uns beschäftigen zu können. Als eine einzelne Figur muß sie uns interessieren können. Sie ist mehr als eine gewöhnliche Jungfrau, und doch eine Jungfrau in aller Natürlichkeit und Wahrheit; sie ist eine Braut, aber in aller Jungfräulichkeit und Reinheit. Als Braut ist das Weib im Begriffe, seine Bestimmung zu erfüllen; und daher kann im allgemeinen ein Weib uns nur in demselben Grade beschäftigen, wie sie in Beziehung zu dieser ihrer Bestimmung gebracht wird. Indessen gibt es hierzu Analogien. So redet man von einer Gottesbraut; im Glauben und im Geiste besitzt sie den Inhalt, in welchem sie lebt und webt. Unsre Antigone möchte ich in einem vielleicht noch schöneren Sinne Braut nennen; sie ist gewissermaßen mehr, kann Mutter heißen, rein ästhetisch gefaßt: virgo mater; ihr Geheimnis ist es, das sie vor der Welt verborgen gleichsam unter ihrem Herzen trägt. Sie ist schweigsam, eben weil sie von einem Geheimnis erfüllt ist; aber diese, ihrem Schweigen entsprechende, Einkehr in sich selbst gibt ihr eine Haltung, die über das gewöhnliche Maß hinausgeht. Sie ist eifersüchtig auf ihr Leid, welches ihre Liebe ist. Dennoch ist ihr Leid durchaus kein totes, unbewegliches Eigentum: es ist in beständiger Bewegung, gebiert Schmerz und wird unter Schmerzen geboren. Wie wenn eine Jungfrau beschließt, ihr Leben für eine höhere Idee zu opfern, wenn sie dasteht mit dem Opferkranze um ihre Stirn. Stellt sie alsdann nicht eine Braut vor? Die große begeisternde Idee verwandelt sie, und der Opferkranz wird zum Brautkranz. Sie kennt keinen Mann, und ist dennoch Braut; sie ist sich ebensowenig der Idee bewußt, welche sie begeistert, was unweiblich sein würde, und dennoch ist sie Braut. So ist Antigone die Braut des Leides. Sie weiht ihr Leben dem Zwecke, über des Vaters Geschick, über ihr eignes zu wachen. Ein solches Unglück, wie das, von welchem der Vater betroffen ist, erfordert Leid und Trauer; und doch gibt es keinen, der darüber Leid tragen könnte, da keiner davon weiß. Und wie die griechische Antigone es nicht ertragen kann, dass des Brudes Leichnam hingeworfen werde, ohne die letzten Ehren, so ist sie davon durchdrungen, wie hart es wäre, wenn kein Mensch erfahren hätte, was sie ängstet, wenn keine Träne darum gefallen wäre; sie dankt den Göttern, dass sie zu solchem Werkzeug ausersehen wurde. So ist Antigone in ihrem Schmerze groß. Auch hier mache ich auf einen Unterschied aufmerksam zwischen dem Hellenischen und dem Modernen. Echt griechisch ist es, wenn Philoktet klagt, da sei keiner, der wisse, was er leide. Es ist ein echt menschliches Bedürfnis, zu wünschen, dass andere dies erfahren; der reflektierende Schmerz indessen wünscht es nicht. Antigone wandelt der Wunsch nicht von ferne an, dass irgend jemand ihren Schmerz erfahren möge; dagegen empfindet sie ihn im Verhältnis zum Vater, empfindet die ihm dadurch widerfahrende Gerechtigkeit, dass sie um ihn Leid trägt - was ästhetisch ebenso gerecht ist, wie dies, dass man Strafe duldet, wenn man Unrecht getan hat. Während daher erst durch die Vorstellung, dass sie dazu bestimmt sei, lebendig begraben zu werden, die Antigone in der griechischen Tragödie zu dem Schmerzensausbruch gezwungen wird:

 

O weh, Unselige!

Nicht unter Menschen, nicht unter Toten,

Im Leben nicht heimisch noch im Tode! (V. 851),

 

so kann unsre Antigone dies ihr lebenlang von sich aussagen. Der Unterschied fällt in die Augen: in dem Ausspruche ist eine faktische Wahrheit, welche den Schmerz mindert. Unsre Antigone könnte dasselbe nur in uneigentlichen Sinne sagen. Die Griechen drücken sich nicht uneigentlich aus, darum eben weil die Reflexion, welche hierzu gehört, nicht in ihnen lag. Wenn Philoktet z.B. klagt, dass er einsam und verlassen auf der öden Insel wohne, so entspricht seinem Ausspruche zugleich die tatsächliche Wahrheit; empfindet dagegen unsre Antigone den Schmerz ihrer Einsamkeit, so ist dies, dass sie allein ist, ja nur uneigentlich der Fall; aber eben darum ist dieser (reflektierte) Schmerz erst ein recht eigentlicher Schmerz.


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