Langweile als Wurzel allen Übels


Von einem Grundsatz ausgehen - behaupten erfahrene Menschen - soll sehr verständig sein. Angenommen! Ich gehe von dem Grundsatz aus, dass alle Menschen langweilig sind. Oder wäre jemand so über alle Maßen langweilig, dass er mir zu widersprechen wagte? Dieser Grundsatz hat nun im allerhöchsten Grade die abstoßende Kraft, die man immer von dem Negativen fordert, das ja im Grunde das Prinzip der Bewegung ist. Es ist nicht nur abstoßend, sondern unendlich abschreckend, und wer diesen Grundsatz hinter sich hat, muß notwendigerweise unendlich viele Entdeckungen machen. Wenn nämlich meine Behauptung wahr ist, so braucht man nur in demselben Grade, in welchem man seinen impetus dämpfen oder beschleunigen will, mehr oder weniger temperiert bei sich selber zu überlegen, wie verderblich die Langweile für den Menschen ist, und will man die Schnelligkeit der Bewegung fast mit der Kraft einer Lokomotive aufs höchste treiben, so braucht man nur zu sich selber zu sagen: die Langweile ist eine Wurzel alles Übels. Merkwürdig, dass die Langweile, die in sich selber ein so ruhiges und gefetztes Wesen ist, mit solcher Kraft andere in Bewegung setzen kann. Ja, sie übt einen wahrhaft magischen Einfluß aus, nur dass sie nicht anzieht, sondern abstößt.

Wie schrecklich die Langweile ist, das erkennen nun auch die Menschen in ihrem Verhältnis zu den Kindern ganz und voll an. Solange die Kinder sich amüsieren, so lange sind sie stets liebe, artige Kinder, und das meinen wir in ganzem, vollem Ernst; denn werden sie beim Spiel wild und unbändig, so kann man ziemlich sicher annehmen, dass die Langweile bei ihnen im Anmarsch ist. Wenn man sich daher ein Kindermädchen mietet, so sieht man nicht nur darauf, dass sie nüchtern, treu und ordentlich ist, sondern nimmt auch ästhetische Rücksichten, ob sie die Kinder recht unterhalten kann. Und unbedenklich würde man ein Kindermädchen aus dem Dienst entlassen, wenn sie diese ihre Pflicht nicht erfüllen könnte, und wäre sie sonst auch noch so gut. Hier sieht man ja klar und deutlich, dass das Prinzip anerkannt wird; aber wie seltsam geht es doch in der Welt her: der Dienst eines Kindermädchens ist das einzige Verhältnis, in welchem der Ästhetik ihr Recht wird. Wollte man sich von seiner Frau scheiden, oder einen König absetzen, einen Pfarrer in die Verbannung schicken, einem Minister den Abschied geben, oder über einen Journalisten das Todesurteil sprechen, nur weil sie langweilig, oft rasend langweilig seien, so würde man schwerlich zum Ziele kommen. Was Wunder denn, dass es mit der Welt nicht vorwärts will, und das Böse mehr und mehr um sich greift, da es ja immer langweiliger auf Erden wird und die Langweile eine Wurzel alles Übels ist. Das kann man von Anfang der Welt her verfolgen. Adam langweilte sich, weil er allein war, deshalb wurde ihm Eva gegeben; darauf langweilten sich Adam und Eva, und Kain und Abel en famille; dann mehrten sich die Menschen, und die Menschen langweilten sich en masse. Um sich zu zerstreuen, wollten sie einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reichte. Dieser Gedanke ist gerade so langweilig wie der Turm hoch war, und ein schrecklicher Beweis dafür, dass die Langweile schon eine große Macht geworden war. Dann wurden die Menschen über die ganze Erde zerstreut - man reist ja auch heute noch ins Ausland, um sich zu zerstreuen -, aber sie hörten nicht auf, sich zu langweilen. Und welche traurigen Folgen hatte nicht diese Langweile. Der Mensch stand hoch und fiel tief; zuerst durch Eva, dann vom babylonischen Turm.


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