Langweile der Überfülle


Was hielt anderseits den Untergang Roms auf? Waren es nicht panis und circenses. Was tut man in unsrer Zeit? Sinnt man auf neue Zerstreuungen? Im Gegenteil, man verkündigt den Untergang der Welt. Man will einen Reichstag berufen. Kann es etwas Langweiligeres geben, sowohl für die Herren Abgeordneten selber, wie für die, welche ihre Reden lesen und hören müssen? Man will die Finanzen des Staates durch Ersparungen verbessern. Kann es etwas Langweiligeres geben? Statt die Schuld zu vermehren, will man sie abzahlen. Wie töricht! Warum nimmt man nicht eine Staatsanleihe auf, aber nicht um Schulden abzuzahlen, sondern um dem Volke angenehme Zerstreuungen zu verschaffen. Laßt uns das tausendjährige Reich feiern und alle Tage herrlich und in Freuden leben. Überall müßten Teller mit Geld stehen. Alles würde gratis sein; das Theater, der zoologische Garten, das Tivoli u.s.w., und gratis würde man beerdigt. Ich sage absichtlich gratis; denn wenn man immer Geld hat, so ist alles gewissermaßen gratis. Keiner darf einen festen Besitz haben. Nur mit mir muß eine Ausnahme gemacht werden. Ich behalte mir 100 Thaler täglich vor, die auf der Londoner Bank gesichert sein müßten, teils weil ich so viel haben muß, teils weil ich diese Idee angegeben habe, und schließlich, weil man nicht wissen kann, ob mir eine neue Idee einfällt, wenn die Staatsanleihe verbraucht ist.

Was würde geschehen, wenn meine Idee sich realisierte? Alles, was groß und herrlich in der Welt ist, würde nach Kopenhagen strömen; die größten Künstler, die berühmtesten Schauspieler, die Schönsten Tänzerinnen. Kopenhagen würde ein zweites Athen werden. Auch die reichsten Männer der Welt würden sich in unsrer Stadt niederlassen. Es würden z. B, auch der Schah von Persien und der König von England zu uns kommen. Seht da, meine zweite Idee. Man bemächtige sich der Person des Schah! Aber würde dann nicht ein Aufruhr in Persien entstehen und ein neuer Schah den Thron seiner Väter besteigen? Und der alte Schah - würde im Preise sinken. Nun wohl, so verkaufe man ihn an den Türken! Der würde schon Geld aus ihm machen? Dazu kommt noch eins, was unsre Politiker ganz zu übersehen scheinen. In Dänemark ruht das Gleichgewicht Europas. Keine glücklichere Existenz! Ich weiß es aus eigner Erfahrung, da ich einmal die Ehre gehabt habe, das Gleichgewicht einer Familie zu bilden. Ich konnte tun, was ich wollte; nie zog man über mich her, sondern immer über die andern. O möchte meine Stimme zu euch dringen, ihr Männer des Königs und des Volkes, weise und verständige Staatsbürger aller Klassen! Seht euch doch vor. Das alte Dänemark geht unter, das ist fatal, es geht an Langweile zu Gründe, das ist das Allerfatalste. In alten Zeiten wurde derjenige König, der das schönste Lied zu Ehren des Verstorbenen singen konnte; in unsrer Zeit müßte König werden, der den besten Witz machte, und Kronprinz, der die Veranlassung gäbe, dass der beste Witz gemacht ward.

Alle Menschen sind langweilig. Das Wort selber weist auf die Möglichkeit einer Einteilung hin. Es kann sowohl einen Menschen bezeichnen, der andere langweilt, wie auch einen, der sich selber langweilt; die erstern sind die Plebs, die große Menge; die letztern die Auserwählten, der Adel; und es ist seltsam, aber wahr: diejenigen, welche sich selber nicht langweilen, langweilen im allgemeinen andere; diejenigen dagegen, die sich selber langweilen, unterhalten andere.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
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