Kindliche Kühnheit


Daher hat die Lektüre des Öhlenschlägerschen »Aladdin« etwas so Erfrischendes, weil in diesem dramatischen Gedichte eine echt kindliche und geniale Kühnheit uns begegnet, welche sich auch in den allerflüchtigsten Wünschen ausspricht. Wie viele mag es wohl in unsern Tagen geben, die noch mit voller Wahrheit einen Wunsch, eine Bitte wagen, die es wagen, sich an die Natur, sei es mit einem kindlichen: Bitte! bitte! zu wenden, oder auch in der Raserei eines verlornen Individuums? - In unsern Tagen reden doch die Leute genug davon, dass der Mensch geschaffen sei nach Gottes königlichem Bilde: wie viele erheben denn in diesem Bewußtsein wahrhaft ihre Kommandostimme? Oder stehen wir nicht vielmehr alle da, wie jener »Nureddin«, machen unsre Bücklinge und Scharrfüße, und sind voller Angst, ob wir nicht zuviel verlangen, oder auch zu wenig? Oder setzt man nicht jedes großartige Begehren allmählich tiefer und tiefer herab, bis daraus eine krankhafte Reflexion hervorgeht über das eigne Ich? Mahnen wir nicht die Natur, nicht unser Geschick, nun, so mahnen und plagen wir uns selbst; und das ist's ja, wozu wir erzogen und angelernt werden.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
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