Moderner Zeitgeist der Isolierung


Was nun zunächst die Aufgabe dieser kurzen Untersuchung betrifft, so wird sie nicht sowohl eine Darstellung des gegenseitigen Verhältnisses zwischen dem Antik- und dem Modern-Tragischen sein, als vielmehr ein Versuch, nachzuweisen, wie die Eigentümlichkeit des Antik-Tragischen sich in die moderne Tragik aufnehmen lasse, so dass in dieser das echt Tragische sich auspräge. Aber so lebhaft ich mich hierfür auch interessieren und bemühen werde, so werde ich mich doch hüten, irgendwie zu weißagen, dass unsere Zeit gerade dies fordere, zumal die Gegenwart überall mehr auf das Komische hinzuarbeiten scheint. Das Dasein ist in hohem Grade von den Zweifeln der Subjekte unterminiert; und die Isolierung nimmt beständig mehr überhand, was einem deutlich entgegentritt, wenn man auf die mancherlei sozialen Bestrebungen achtgibt. Diese legen nämlich ebensowohl dadurch, dass sie der Isolierung der Zeitbestrebungen entgegenzuwirken suchen, von dem Vorhandensein einer solchen Zeugnis ab, als auch dadurch, dass sie in unvernünftiger Weise ihr wehren wollen. Das isolierte macht sich immer als Zahl geltend: wenn einer sich als dieser Eine hinstellt, so ist das eine Isolierung. Hierin werden mir wohl alle Bruder- und Genossenschaften Recht geben, ohne deshalb auch einsehen zu können oder zu wollen, dass es völlig dieselbe Isolierung ist, wenn hundert sich einzig und allein als diese Hundert wollen geltend machen. Die Zahl ist immer gegen sich selbst gleichgültig; und es beruht nichts darauf, ob es einer, oder tausend, oder sämtliche Erdenbewohner, bloß numerisch bestimmt, sind. Dieser Assoziationsgeist ist daher in seinem Prinzip ebenso revolutionär, wie der Geist, den er bekämpfen will. Als König David sich so recht seiner Macht und Herrlichkeit bewußt werden wollte, ließ er sein Volk zählen; in unsrer Zeit dagegen kann man sagen, dass die Völker, um ihrer Bedeutung, gegenüber einer Großmacht, sich bewußt zu werden, sich selbst zählen. Alle jene Genossenschaften tragen indes das Gepräge der Willkür, sind meistens zu irgend einem zufälligen Zwecke gebildet, dessen Gebieter natürlich eben die Genossenschaft ist. Die große Anzahl derselben beweist somit die innere Auflösung der Zeit und trägt zur Förderung derselben bei; sie sind Infusionstiere im Organismus der Gesellschaft und weisen darauf hin, dass dieser aufgelöst ist. Wann fingen in Griechenland die Hetärien allgemein zu werden an? War es nicht damals, als der Staat schon in seiner Selbstauflösung begriffen war? Und hat nicht unsere Zeit eine auffallende Ähnlichkeit mit jener alten, welche selbst ein Aristophanes nicht lächerlicher machte, als sie wirklich war? Ist nicht in politischer Hinsicht das Band, welches bisher die Staaten unsichtbar und geistig in sich zusammenhielt, gelöst? ist nicht mit der Religion die Macht, die das Unsichtbare festhielt, abgeschwächt und vernichtet? ist es nicht Staatsmännern und Geistlichen gemeinsam, daß, wenn sie ihrer altherkömmlichen Bedeutung gedenken, sie gleich den Auguren Roms nicht ohne ein Lächeln einander ansehen können? Eine Eigentümlichkeit hat freilich unsre Zeit vor jener altgriechischen voraus, nämlich diese, dass die Gegenwart weit mehr zu ernsterm Sinnen, daher aber auch zu hoffnungsloserer Verzweiflung angelegt ist. So ist unser Geschlecht im ganzen nachdenklich genug, um zu wissen, dass es etwas gibt, was sittliche Verantwortung heißt, und dass diese etwas zu sagen hat. Während daher alle herrschen, mitregieren möchten, will niemand die Verantwortung tragen. Es ist noch in frischem Andenken, dass ein französischer Staatsmann, welchem das Portefeuille aufs neue angeboten wurde, erklärte: er nehme es an, aber unter der Bedingung, dass der Staatssekretär verantwortlich gemacht werde. Der König von Frankreich ist, wie bekannt, nicht verantwortlich, dagegen ist es das Ministerium. Der Anspruch, den jener Minister machte, würde auf naturgemäßem Wege zuletzt dahin führen, dass die Nachtwächter oder die Kommissare der Straßenpolizei die Verantwortung übernehmen müßten. Wäre nicht diese tolle Verantwortlichkeitsgeschichte ein passendes Sujet für Aristophanes? Und anderseits, warum sonst haben Regierung und Regierende solche Scheu vor der Verantwortung, als darum, weil sie eine Oppositionspartei scheuen, welche selbst wieder in ähnlicher Skala die Verantwortung von sich schieben würde? Denkt man sich nun diese zwei Mächte einander gegenüber, aber nicht in der Lage, eigentlich in Handgemenge zu kommen, weil die eine beständig vor der andern verschwände, die eine vor den Augen der andern bloß figurierte: gewiß, einer solchen Situation würde ihre vis comica nicht abgehen. Zeigt diese Geschichte nicht hinreichend, dass das eigentlich den Staat zusammenhaltende Band aufgelöst ist? Aber die hierdurch bewirkte Isolierung ist unstreitig komisch; und zwar liegt das Komische darin, dass die Subjektivität, als die bloße Form, sich geltend machen will. Jede isolierte Persönlichkeit wird immer und überall dadurch lächerlich, dass sie ihre Zufälligkeit gegenüber der Notwendigkeit der geschichtlichen Entwicklung zur Geltung bringen will. Ohne Zweifel würde die tiefste Komik darin liegen, wenn man das erste beste Individuum irgend einmal von der universellen Idee beherrscht werden ließe: Erlöser der ganzen Welt zu werden! Dagegen ist Christi Erscheinung in einem gewissen Sinne (denn in einem andern Sinne ist er unendlich viel mehr) die tiefste Tragödie, weil Christus in der Fülle der Zeiten erschienen ist, und was ich im Blick auf das nachfolgende vorzüglich betonen möchte, die Schuld der ganzen Welt getragen hat.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 01:58:31 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
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