Begehren unserer Zeit


Unter anderm äußert sich die ungeheure poetische Kraft der National-Litteratur auch darin, dass sie so heftig nach Neuem begehrt. Hiermit verglichen ist die Begehrlichkeit des heutigen Geschlechts ebenso sündhaft, wie sie ermüdend ist. Sie begehrt, was des Nächsten ist. Jene ist sich gar wohl bewußt, dass der Nächste (etwa ein Nachbarvolk) das von ihr Gesuchte ebensowenig besitzt, wie sie selbst. Und begehrt sie geradezu in sündhaftem, gemeinem Sinne, dann wird ihr Gebaren so himmelschreiend, dass es die Menschen empört. Durch kühle Wahrscheinlichkeitsberechnungen eines nüchternen Verstandes läßt sie sich übrigens nichts entwinden. Noch schreitet Don Juan über die Bühne mit seinen 1003 Geliebten. Aus Ehrfurcht vor der alt-ehrwürdigen Tradition wagt niemand, die Rechnung zu belächeln. Hätte in unsern Tagen ein Dichter dieselbe gewagt, so wäre er aus gelacht worden.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
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