Antigone


Unsere Gesellschaft, welcher ich diese fragmentarische Arbeit vorlese - und andere als solche duldet sie ja nicht -, begehrt bei jeder ihrer Zusammenkünfte eine Erneuerung und Wiedergeburt, und zu diesem Ende zugleich, dass ihre innere Produktivität jedesmal unter einer neuen Bezeichnung verjüngt auftrete. Laßt uns denn unsre Tendenz fortan als Versuch im fragmentarischen Streben, oder in der Kunst, hinterlassene Papiere zu schreiben, bezeichnen. Eine vollständig ausgeführte Arbeit steht in keinem Verhältnis mehr zu der dichtenden Persönlichkeit; bei hinterlassenen Papieren fühlt man beständig, eben des Abgebrochenen, des Desultarischen wegen, einen Antrieb, die Persönlichkeit dichtend mit auszugestalten. Hinterlassene Papiere gleichen einer Ruine; und gäbe es wohl für »Begrabene« eine natürlichere Weilstätte? Die Kunst besteht nun darin, künstlerisch die nämliche Wirkung hervorzubringen, die nämliche Sorglosigkeit und Zufälligkeit, den nämlichen anakoluthischen (regellosen) Gedankengang; die Kunst besteht darin, einen Genuß zu erzeugen, der niemals präsentisch wird, sondern stets ein Moment der Vergangenheit in sich trägt, also dass er ein in vorigen Tagen gegenwärtiger ist. Dieses drückt sich schon in dem Worte »nachgelassen« aus. In gewissem Sinne ist ja alles, was ein Dichter produziert hat, sein Nachlaß; allein das völlig Ausgeführte würde man doch wohl niemals eine nachgelassene Arbeit nennen, gesetzt auch, dass es zufällig nicht bei seinen Lebzeiten erschienen wäre. Auch sehe ich hierin eine unleugbare Eigenschaft jeder menschlichen Hervorbringung, dass sie eben nur Nachlaß ist, dass es den Menschen nicht vergönnt ist, im ewigen Anschauen Gottes und der vollen Wahrheit zu leben. Nachgelassenes will ich alles nennen, was in unsrer Mitte produziert wird, das heißt künstlerischen Nachlaß, und demzufolge als »Nachlässigkeit«, Indolenz, jene schöpferische Genialität bezeichnen, welcher wir unter uns so großen Wert beilegen, als vis inertiae das Naturgesetz, das wir verehren. Hiermit bin ich denn unsern geheiligten Sitten und Gebräuchen nachgekommen.

So tretet denn näher zu mir, werte Symparanekrômenoi, schließet euch um mich, indem ich meine tragische Heldin in die Welt hinaussende, indem ich als Mitgift ihr den Schmerz beigeselle. Sie ist mein Werk; jedoch ist ihr Umriß so unbestimmt, ihre Gestalt so nebulos, dass jeder von euch sich in sie verlieben und sie auf seine Art liebhaben kann. Sie ist mein Geschöpf; ihre Gedanken sind meine Gedanken; und doch ist's mir, als hätte ich in liebeseligem Dünkel an ihrer Seite geweilt, und sie hätte mit ihre tiefsten Geheimnisse anvertraut, mit diesen ihre ganze Seele in meine Brust geatmet; als wäre sie dann in einem Nu verwandelt, ja verschwunden, so dass ihre Realität sich nur in der Stimmung verspüren ließ, welche zurückblieb, während es sich gerade umgekehrt verhält, dass sie aus meiner Stimmung heraus zu immer größerer Realität geboren wurde. Ich lege ihr das Wort auf die Lippen; und dennoch kommt es mir vor, als ob ich ihre Vertraulichkeit mißbrauchte; es ist mir, als stünde sie schmollend hinter mir. Es verhält sich aber umgekehrt: in ihrer Verschleierung wird sie nur immer sichtbarer. Sie ist mein Eigentum, mein rechtmäßiges Eigentum; und doch ist's mir mitunter, als hätte ich mich heimlich in ihr Vertrauen hineingeschlichen, als müßte ich beständig nach ihr zurückschauen, während es umgekehrt sich verhält, dass sie beständig mir vor Augen steht, dass sie beständig nur dadurch in die Existenz tritt, dass ich sie auf den Schauplatz führe. Antigone heißt sie. Diesen Namen will ich aus der alten Tragödie beibehalten, an welche ich mich im ganzen anschließen werde, wiewohl auf der andern Seite alles modern wird. Ich verwende aber eine weibliche Figur, weil ich glaube, eine solche werde am geeignetsten sein, den Unterschied darzulegen.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 22:15:51 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.01.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright