Das ästhetische Leid


Der Deutlichkeit wegen werde ich, ohne das Erörterte weiter zu entwickeln, zuerst den Begriff des ästhetischen Leides etwas näher bestimmen. Die Richtung, welche das Leid nimmt, ist derjenigen des Schmerzes entgegengesetzt; und wenn man nur nicht durch Konsequenzmacherei meine Aussage verderben will, so möchte ich sagen: je größere Unschuld, desto tieferes Leid. Urgiert man dies, so gewinnt man das Tragische. Ein Moment von Schuld bleibt dabei stets zurück; aber dieses Moment ist eigentlich nicht subjektiv reflektiert, weshalb das Leid in der griechischen Tragödie ein so tiefes ist. Zu unzeitigen Konsequenzen würde es führen, wenn man diesen Satz übertreiben und auf ein fremdes Gebiet, z.B. das metaphysische, versetzen wollte. Indes liegt hierin der eigentliche Grund, weshalb man sich immer gescheut hat, Christi Leben eine Tragödie zu nennen: man fühlte, dass hier ästhetische Eindrücke die Sache nicht erschöpfen. Im Gegenteil neutralisieren sich diese ja bei dieser einzigartigen, unvergleichlichen Erscheinung und werden gegeneinander in Indifferenz gestellt. Die tragische Handlung schließt immer ein Moment des Leidens in sich, sowie das tragische Leiden ein Moment des Handelns; das Ästhetische liegt im Gebiet der Relativität. Die Idealität absoluten Handelns und absoluten Leidens geht über die Sphäre und die Kräfte der Ästhetik hinaus, und gehört dem höhern metaphysischen Gebiete an. In Christi Leben waltet diese Idealität. Denn sein Leiden ist ein absolutes (der bloßen Zufälligkeit enthobenes), sofern es ein absolut freies Handeln ist, während auch sein Handeln absolutes Leiden ist, sofern es durchweg im unbedingten Gehorsam geschieht. Das zurückbleibende Moment von Schuld also ist nicht ein subjektiv reflektiertes; und dieses ist's gerade, was das Leid zu einem so tiefen macht. Die tragische Schuld ist nämlich mehr, als die bloß subjektive: sie ist vererbte Schuld. Dies ist aber, ebenso wie die Erbsünde, ein substantieller Begriff, und dieses Substantielle, geschichtlich Gegebene, ist es, wodurch das Leid vertieft wird. Die von jeher bewunderte tragische Trilogie des Sophokles: Oedipus Coloneus, Oedipus Rex und Antigone, bewegt sich wesentlich um dieses echt tragische Interesse. Die Erbschuld befaßt aber diesen Widerspruch, dass die Schuld, und doch wieder keine Schuld ist. Das Band, wodurch hier dem Individuum die Schuld zugezogen wird, ist eben die Pietät; aber die Schuld, deren es hierdurch teilhaftig wird, ist mit aller möglichen ästhetischen Amphibolie (Zweideutigkeit) behaftet. Man könnte füglich auf den Gedanken verfallen, das Volk, bei welchem das tief Tragische sich recht hätte entwickeln müssen sei das jüdische. Wenn es von Jehova heißt: »Ich bin ein starker, eifriger Gott, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied,« oder wenn man im alten Testamente jene furchtbaren Verwünschungen der Abtrünnigen hört, so wird man versucht, hierin tragischen Stoff zu suchen. Dazu ist aber das Judentum viel zu sehr ethisch entwickelt; und Jehovas Fluch ist, immerhin schreckenerregend, doch zugleich jedesmal gerechte Strafe. Anders in Griechenland. Hier hat der Götter Zorn keinen ethischen Charakter, wohl aber ästhetischen.

In der griechischen Tragödie selbst findet ein Übergang statt vom Leide zum Schmerz. Als Beispiel möchte ich den Sophokleischen Philoktet anführen. Dieses ist eine im strengern Sinne leidvolle Tragödie. Aber auch hier herrscht noch ein hoher Grad von Objektivität. Der griechische Held hat seinen Standpunkt innerhalb seines Schicksals, welches ein unabänderliches ist, so dass von einer Milderung weiter keine Rede sein kann. Dieses Element ist im Grunde, bei allem Schmerze, das Moment des einmal verhängten Leides. Der erste Zweifel, mit welchem eigentlich der Schmerz anhebt, ist dieser: Warum das mir? könnte es nicht anders sein? Zwar findet sich in Philoktet, was mir immer aufgefallen ist und wodurch er sich von jener unsterblichen Trilogie wesentlich unterscheidet, ein starkes Maß von Reflexion: der meisterhaft geschilderte Selbstwiderspruch in seinem Schmerze, worin sich eine echt menschliche Sympathie ausspricht; aber das Ganze wird doch von geschichtlicher Objektitivität getragen. Philoktets Reflexion versenkt sich nicht in sich selbst; und wenn er sich beklagt, dass von seinem Schmerze niemand wisse, so ist auch das echt griechisch. Es liegt hierin ungemein viel Wahrheit; doch gibt sich dadurch zugleich der Unterschied von dem eigentlich reflektierenden Schmerze zu erkennen, welcher immer nur mit sich allein sein möchte, welcher einen neuen Schmerz gerade in dieser Vereinsamung aufsucht.

Das wahre tragische Leid fordert immer ein Moment von Schuld, der wahre tragische Schmerz ein Moment von Unschuld, jenes eine gewisse Durchsichtigkeit, dieser im Gegenteil ein gewisses Dunkel. So glaube ich am besten andeuten zu können, worin die Begriffe Leid und Schmerz ihrem tiefsten Wesen nach einander berühren, sowie auch, was der Begriff tragische Schuld in sich faßt. -

 

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