Horizont in Absicht auf die Erweiterung der Erkenntnis


In Absicht auf die Erweiterung und Demarkation unserer Erkenntnis sind folgende Regeln zu empfehlen:

Man muß sich seinen Horizont

1) zwar frühzeitig bestimmen, aber freilich doch erst alsdann, wenn man ihn sich selbst bestimmen kann, welches gewöhnlich vor dem 20ten Jahre nicht statt findet;

2) ihn nicht leicht und oft verändern (nicht von einem auf das andre fallen);

3) den Horizont anderer nicht nach dem seinigen messen, und nicht das für unnütz halten, was uns zu nichts nützt: Es würde verwegen sein, den Horizont anderer bestimmen zu wollen, weil man teils ihre Fähigkeiten, teils ihre Absichten nicht genug kennt;

4) ihn weder zu sehr ausdehnen, noch zu sehr einschränken. Denn der zu viel wissen will, weiß am Ende nichts, und der umgekehrt von einigen Dingen glaubt, daß sie ihn nichts angehen, betrügt sich oft; wie wenn z. B. der Philosoph von der Geschichte glaubte, daß sie ihm entbehrlich sei.

Auch suche man

5) den absoluten Horizont des ganzen menschlichen Geschlechts (der vergangenen und künftigen Zeit nach) zum voraus zu bestimmen, so wie insbesondre auch

6) die Stelle zu bestimmen, die unsre Wissenschaft im Horizonte der gesamten Erkenntnis einnimmt. Dazu dient die Universal-Enzyklopädie als eine Universalkarte (mappe-monde) der Wissenschaften.

7) Bei Bestimmung seines besondern Horizonts selbst prüfe man sorgfältig: zu welchem Teile des Erkenntnisses man die größte Fähigkeit und Wohlgefallen habe; — was in Ansehung gewisser Pflichten mehr oder weniger nötig sei; — was mit den notwendigen Pflichten nicht zusammen bestehen könne; und endlich

8) suche man seinen Horizont immer doch mehr zu erweitern als zu verengen.

Es ist überhaupt von der Erweiterung des Erkenntnisses das nicht zu besorgen, was d'Alembert von ihr besorgt. Denn uns drückt nicht die Last, sondern uns verengt das Volumen des Raums für unsre Erkenntnisse. Kritik der Vernunft, der Geschichte und historischen Schriften, — ein allgemeiner Geist, der auf das menschliche Erkenntnis en gros und nicht bloß im detail geht, werden immer den Umfang kleiner machen, ohne im Inhalte etwas zu vermindern. Bloß die Schlacke fällt vom Metalle weg oder das unedlere Vehikel, die Hülle, welche bis so lange nötig war. Mit der Erweiterung der Naturgeschichte, der Mathematik u.s.w. werden neue Methoden erfunden werden, die das Alte verkürzen und die Menge der Bücher entbehrlich machen. Auf Erfindung solcher neuen Methoden und Prinzipien wird es beruhen, daß wir, ohne das Gedächtnis zu belästigen, alles mit Hülfe derselben nach Belieben selbst finden können. Daher macht sich der um die Geschichte wie ein Genie verdient, welcher sie unter Ideen faßt, die immer bleiben können.

 

* * *


 © textlog.de 2004 • 25.05.2017 08:43:03 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.06.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright