§ 48. Die Transzendenz der objektiven Welt als höherstufige gegenüber der primordialen Transzendenz


Daß dieses Eigenwesen sich für mich überhaupt mit etwas anderem kontrastieren kann, oder daß ich, der ich bin, eines anderen bewußt werden kann, das ich nicht bin (eines mir Fremden), das setzt also voraus, daß nicht alle mir eigenen Bewußtseinsweisen in den Kreis derjenigen gehören, die Modi meines Selbstbewußtseins sind. Da wirkliches Sein sich ursprünglich durch Einstimmigkeit der Erfahrung konstituiert, so muß es gegenüber der Selbsterfahrung und dem System ihrer Einstimmigkeit — also dem der Selbstauslegung in Eigenheiten — noch andere Erfahrungen in Systemen der Einstimmigkeit in meinem eigenen Selbst geben, und es ist nun das Problem, wie es zu verstehen ist, daß das Ego solche neuartige Intentionalitäten in sich hat und immer neu bilden kann mit einem Seinssinn, durch den es sein eigenes Sein ganz und gar transzendiert. Wie kann für mich wirklich Seiendes, und als das nicht nur irgendwie Vermeintes, sondern in mir sich einstimmig Bewährendes, anderes sein als sozusagen Schnittpunkt meiner konstitutiven Synthesis? Ist es also als von ihr konkret untrennbar mein Eigenes? Aber schon die Möglichkeit vagsten, leersten Vermeinens von Fremdem ist problematisch, wenn es wahr ist, daß wesensmäßig jede solche Bewußtseinsweise ihre Möglichkeiten der Enthüllung, ihrer Oberführung in erfüllende oder enttäuschende Erfahrungen von dem Vermeinten hat und auch in der Bewußtseinsgenesis auf solche Erfahrungen von demselben oder ähnlichem Vermeinten zurückweist.

Das Faktum der Erfahrung von Fremdem (Nicht-Ich) liegt vor als Erfahrung von einer objektiven Welt und darunter von Anderen (Nicht-Ich in der Form: anderes Ich), und es war ein wichtiges Ergebnis der eigenheitlichen Reduktion an diesen Erfahrungen, daß sie eine intentionale Unterschicht derselben zur Abhebung gebracht hat, in der eine reduzierte Welt als immanente Transzendendenz zur Ausweisung kommt. Es ist in der Ordnung der Konstitution einer ichfremden, einer meinem konkret-eigenem Ich äußeren (aber ganz und gar nicht in natürlich-räumlichem Sinne äußeren) Welt die an sich erste, die primordiale Transzendenz (oder Welt), die unerachtet ihrer Idealität als synthetische Einheit eines unendlichen Systems meiner Potentialitäten noch ein Bestimmungsstück meines eigenen konkreten Seins als Ego ist.

Es muß nun verständlich gemacht werden, wie in der höheren, fundierten Stufe die Sinngebung der eigentlichen, der konstitutiv sekundären objektiven Transzendenz zustande kommt, und das als Erfahrung. Es handelt sich hier nicht um die Enthüllung einer zeitlich verlaufenden Genesis, sondern um eine statische Analyse. Die objektive Welt ist für mich immerfort schon fertig da, Gegebenheit meiner lebendig fortlaufenden objektiven Erfahrung, und auch nach dem Nicht-mehr-Erfahren in habitueller Fortgeltung. Es handelt sich darum, diese Erfahrung selbst zu befragen und die Weise ihrer Sinngebung intentional zu enthüllen, die Weise, wie sie als Erfahrung auftreten und sich bewähren kann als Evidenz für wirklich Seiendes eines explizierbaren eigenen Wesens, das nicht mein eigenes ist oder sich meinem eigenen nicht als Bestandstück einfügt, während es doch Sinn und Bewährung nur in dem meinen gewinnen kann.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 14:40:40 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.01.2009 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright