§ 56. Konstitution der höheren Stufen der intermonadologischen Gemeinschaft


Hiermit ist also die erste und niederste Stufe der Vergemeinschaftung zwischen mir, der für mich primordialen Monade, und der in mir als fremd und somit als für sich seiend, aber mir nur appräsentativ ausweisbar konstituierten Monade aufgeklärt. Daß die Anderen sich in mir als Andere konstituieren, ist die einzig denkbare Weise, wie sie als seiende und soseiende für mich Sinn und Geltung haben können; haben sie das aus Quellen einer beständigen Bewährung, so sind sie eben, wie ich aussagen muß, aber dann ausschließlich mit dem Sinn, in dem sie konstituiert sind: Monaden, für sich selbst genau so seiend, wie ich für mich bin; dann aber auch in Gemeinschaft, also (ich wiederhole betonend den schon früher gebrauchten Ausdruck) in Verbindung mit mir als konkretem Ego, als Monade. Zwar sind sie reell von der meinen getrennt, sofern keine reelle Verbindung von ihren Erlebnissen zu meinen Erlebnissen und so überhaupt von ihrem Eigenwesentlichen zu dem meinen überführt. Dem entspricht ja die reale Trennung, die weltliche, meines psychophysischen Daseins von dem des Anderen, die sich als räumliche darstellt vermöge der Räumlichkeit der objektiven Leiber. Andererseits ist diese ursprüngliche Gemeinschaft nicht ein Nichts. Ist jede Monade reell eine absolut abgeschlossene Einheit, so ist das irreale intentionale Hineinreichen der anderen in meine Primordialität nicht irreal im Sinne eines Hineingeträumtseins, eines Vorstellig-seins nach Art einer bloßen Phantasie. Seiendes ist mit Seiendem in intentionaler Gemeinschaft. Es ist eine prinzipiell eigenartige Verbundenheit, eine wirkliche Gemeinschaft, und eben die, die das Sein einer Welt, einer Menschen- und Sachenwelt, transzendental möglich macht.

Nachdem die erste Stufe der Vergemeinschaftung und, was fast gleichgilt, die erste Konstitution einer objektiven Welt von der primordialen aus hinreichend geklärt ist, bieten die höheren Stufen relativ geringe Schwierigkeiten. So sehr auch in Bezug auf sie zu Zwecken einer allseitigen Auslegung umfangreiche Untersuchungen mit einer sich differenzierenden Problematik notwendig sind, können uns hier rohe und auf dem gelegten Grunde leicht verständliche Hauptstriche genügen. Von mir aus, konstitutiv der Urmonade, gewinne ich die für mich anderen Monaden bzw. die Anderen als psycho-physische Subjekte. Darin liegt, ich gewinne sie nicht bloß als mir leiblich gegenüber und vermöge der assoziativen Paarung auf mein psychophysisches Dasein zurückbezogen, das ja überhaupt, und in verständlicher Weise auch in der vergemeinschafteten Welt jetziger Stufe Zentralglied ist vermöge ihrer notwendig orientierten Gegebenheitsweise. Vielmehr im Sinne einer Menschengemeinschaft und des Menschen, der schon als einzelner den Sinn eines Gemeinschaftsgliedes mit sich führt (was sich auf tierische Gesellschaftlichkeit überträgt), liegt ein Wechselseitig-für-einander-Sein, das eine objektivierende Gleichstellung meines Daseins und des aller Anderen mit sich bringt; also ich und jedermann als ein Mensch unter anderen Menschen. Dringe ich, mich in ihn einverstehend, in seinen Eigenheitshorizont tiefer ein, so werde ich bald darauf stoßen, daß, wie sein Körperleib in meinem, so mein Leib sich in seinem Wahrnehmungsfeld befindet und daß er im allgemeinen mich ohne weiteres so als für ihn Anderen erfährt, wie ich ihn als meinen Anderen erfahre. Desgleichen, daß die Mehreren auch füreinander als Andere erfahren sind; in weiterer Folge, daß ich den jeweilig Anderen erfahren kann nicht nur als Anderen, sondern als selbst wieder auf seine Anderen bezogen, und eventuell in einer iterierbar zu denkenden Mittelbarkeit, zugleich auf mich selbst. Auch ist es klar, daß die Menschen nur apperzipierbar werden als nicht nur in Wirklichkeit, sondern in Möglichkeit und nach eigenem Belieben Andere und wieder Andere vorfindende. Die offen endlose Natur selbst wird dann zu einer solchen, die auch in offener Mannigfaltigkeit unbekannt sich im unendlichen Raume verteilende Menschen (allgemeiner, Animalien) in sich faßt, als Subjekte möglicher Wechselgemeinschaft. Natürlich entspricht dieser Gemeinschaft in transzendentaler Konkretion eine entsprechende offene Monadengemeinschaft, die wir als transzendentale Intersubjektivität bezeichnen. Sie ist, wie kaum gesagt werden muß, rein in mir, im meditierenden Ego, rein aus Quellen meiner Intentionalität für mich als seiend konstituiert, aber als solche, die in jeder in der Modifikation Anderer konstituierten als dieselbe, nur in anderer subjektiver Erscheinungsweise konstituiert ist, und konstituiert als dieselbe objektive Welt notwendig in sich tragend. Offenbar gehört zum Wesen der in mir (und ähnlich in jeder mir erdenklichen Monadengemeinschaft) transzendental konstituierten Welt, daß sie wesensnotwendig auch eine Menschenwelt ist, daß sie in jedem einzelnen Menschen mehr oder minder vollkommen innerseelisch konstituiert ist in intentionalen Erlebnissen, potentiellen Systemen der Intentionalität, die als Seelenleben ihrerseits schon als weltlich seiend konstituiert sind. Die seelische Konstitution der objektiven Welt versteht sich z. B. als meine wirkliche und mögliche Welterfahrung, meine, des sich selbst als Menschen erfahrenden Ich. Diese Erfahrung ist mehr oder minder vollkommen, sie hat stets ihren offen unbestimmten Horizont. In diesem Horizont liegt für jeden Menschen jeder Andere physisch, psychophysisch, innerpsychisch als Reich offen endloser Zugänglichkeiten, schlecht und recht, wenn auch zumeist eben schlecht.


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