§ 22. Idee der universalen Einheit aller Gegenstände und die Aufgabe ihrer konstitutiven Aufklärung


Gegenstandstypen — in der phänomenologischen Reduktion rein als cogitata gefaßt und nicht in Vorurteilen einer im voraus geltenden wissenschaftlichen Begrifflichkeit — fanden wir als Leitfäden für thematisch zusammengehörige transzendentale Untersuchungen. Die konstituierenden Bewußtseinsmannigfaltigkeiten — die in Wirklichkeit oder Möglichkeit zur Einheit der Synthesis im Selben zu bringenden — sind eben nicht zufällig, sondern aus Wesensgründen in Hinsicht auf die Möglichkeit solcher Synthesis zusammengehörig. Sie stehen also unter Prinzipien, vermöge deren die phänomenologischen Untersuchungen sich nicht in zusammenhangslose Beschreibungen verlieren, sondern sich aus Wesensgründen organisieren. Jedes Objekt, jeder Gegenstand überhaupt (auch jeder immanente) bezeichnet eine Regelstruktur des transzendentalen ego. Als sein Vorgestelltes, wie immer Bewußtes bezeichnet es sofort eine universale Regel möglichen sonstigen Bewußtseins von demselben, möglich in einer wesensmäßig vorgezeichneten Typik; und so natürlich schon jedes Erdenkliche, als vorgestellt Denkbare. Die transzendentale Subjektivität ist nicht ein Chaos intentionaler Erlebnisse. Sie ist aber auch nicht ein Chaos von konstitutiven Typen, deren jeder in sich organisiert ist durch Beziehung auf eine Art oder Form intentionaler Gegenstände. Mit anderen Worten: Die Allheit der für mich, und transzendental gesprochen, der für mich als transzendentales Ego erdenklichen Gegenstände und Gegenstandstypen ist kein Chaos, und korrelativ ist das auch nicht die Allheit der den Gegenstandstypen entsprechenden Typen der unendlichen Mannigfaltigkeiten, die jeweils ihrer möglichen Synthesis nach noetisch und noematisch zusammengehören.

Das deutet vor auf eine universale konstitutive Synthesis, in der alle Synthesen in bestimmt geordneter Weise zusammen fungieren und in der also alle wirklichen und möglichen Gegenständlichkeiten als solche für das transzendentale Ego und korrelativ alle ihre wirklichen und möglichen Bewußtseinsweisen umspannt sind. Wir können auch sagen: Es deutet sich eine ungeheure Aufgabe an, welche die der gesamten transzendentalen Phänomenologie ist, die Aufgabe, in der Einheit einer systematischen und allumspannenden Ordnung am beweglichen Leitfaden eines stufenweise herauszuarbeitenden Systems aller Gegenstände möglichen Bewußtseins, und darin des Systems ihrer formalen und materialen Kategorien, alle phänomenologischen Untersuchungen als ent­sprechende konstitutive durchzuführen, also streng systematisch aufeinander gebaut, miteinander verknüpft.

Doch wir sagen besser, es handle sich hier um eine unendliche regulative Idee; das in evidenter Antizipation vorauszusetzende System möglicher Gegenstände als solcher möglichen Bewußtseins sei selbst eine Idee (aber nicht eine Erfindung, nicht ein "als ob") und gebe praktisch das Prinzip an die Hand, durch beständige Enthüllung nicht nur der Gegenständen des Bewußtseins innerlich eigenen Horizonte, sondern auch der nach außen, auf Wesensformen der Zusammenhänge verweisenden Horizonte, jede relativ geschlossene konstitutive Theorie mit jeder zu verbinden. Freilich schon die an den beschränkten Leitfäden gegenständlicher Einzeltypen sich darbietenden Aufgaben erweisen sich als höchst kompliziert und führen überall bei tieferem Eindringen zu großen Disziplinen — wie das z. B. für eine transzendentale Theorie der Konstitution eines Raumgegenstandes und gar einer Natur überhaupt, der Animalität und Humanität überhaupt, Kultur überhaupt der Fall ist.


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