§ 10. Exkurs. Descartes' Verfehlen der transzendentalen Wendung


Es scheint so leicht, Descartes folgend, das reine Ich und seine cogitationes zu fassen. Und doch ist es, als wären wir auf einem steilen Felsgrat, auf dem ruhig und sicher fortzuschreiten über philosophisches Leben und philosophischen Tod entscheidet. Descartes hatte den ernsten Willen zu radikaler Vorurteilslosigkeit. Aber wir wissen durch neuere Forschungen, und insbesondere die schönen und tiefgründigen der Herren Gilson und Koyré, wieviel Scholastik im verborgenen und als ungeklärtes Vorurteil in Descartes' Meditationen steckt. Aber nicht das allein; zunächst schon jenes oben bereits erwähnte, aus der Bewunderung der mathematischen Naturwissenschaft herstammende und uns selbst als alte Erbschaft bestimmende Vorurteil müssen wir uns vom Leibe halten, als ob es sich unter dem Titel ego cogito um ein apodiktisches Axiom handle, das im Verein mit aufzuweisenden anderen und dazu evt. induktiv begründeten Hypothesen das Fundament für eine deduktiv erklärende Weltwissenschaft abzugeben habe, eine nomologische Wissenschaft, eine Wissenschaft ordine geometrico, eben ähnlich wie die mathematische Naturwissenschaft. Im Zusammenhang damit darf es auch keineswegs als selbstverständlich gelten, als ob wir in unserem apodiktischen reinen Ego ein kleines Endchen der Welt gerettet hätten, als das für das philosophierende Ich einzig Unfragliche von der Welt, und daß es nun darauf ankomme, durch recht geleitete Schlußfolgerungen nach den dem Ego eingeborenen Prinzipien die übrige Welt hinzuzuerschließen.

Leider geht es so bei Descartes, mit der unscheinbaren, aber verhängnisvollen Wendung, die das Ego zur substantia cogitans, zur abgetrennten menschlichen mens sive animus macht und zum Ausgangsglied für Schlüsse nach dem Kausalprinzip, kurzum der Wendung, durch die er zum Vater des (wie hier noch nicht sichtlich werden kann) widersinnigen transzendentalen Realismus geworden ist. All das bleibt uns fern, wenn wir dem Radikalismus der Selbstbesinnung und somit dem Prinzip reiner Intuition oder Evidenz getreu bleiben, also hier nichts gelten lassen, als was wir auf dem uns durch die epoché eröffneten Felde des ego cogito wirklich und zunächst ganz unmittelbar gegeben haben, also nichts zur Aussage bringen, was wir nicht selbst sehen. Darin hat Descartes gefehlt, und so kommt es, daß er vor der größten aller Entdeckungen steht, sie in gewisser Weise schon gemacht hat, und doch ihren eigentlichen Sinn nicht erfaßt, also den Sinn der transzendentalen Subjektivität, und so das Eingangstor nicht überschreitet, das in die echte Transzendentalphilosophie hineinleitet.


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