II. Nietzsches Freundschaft mit Burckhardt und Wagner


Jacob Burckhardt, Verfasser der »Kultur der Renaissance« und der »griechischen Kulturgeschichte«, begründete damals in Basel (neben Taine und Guizot in Frankreich) die wissenschaftliche Kulturgeschichte. Aufgrund des reichsten Quellenmaterials und in der resümierenden, zum Vergleich mit der eigenen Kultur drängenden Art und Weise, die seiner Geschichtsbetrachtung eigentümlich ist. Nietzsche nennt ihn noch [W. VIII, S. 170] den »tiefsten Kenner« griechischer Kultur. Richard Wagner im nahen Tribschen arbeitete am »Siegfried« und bereitete gerade damals sein mühseligstes Werk vor, Bayreuth, ein Unternehmen, das sein Schöpfer ausdrücklich als Kulturtat aufgefaßt wissen wollte und das für Nietzsche durch des Meisters Freundschaft mit König Ludwig einen ganz besonderen Anstrich von Würde erhielt.

Was hatte Nietzsche mit diesen Männern von vornherein gemeinsam? Zunächst die Modeverehrung für Schopenhauer, ein Charakteristikum des ganzen damaligen Basler Kreises, zu dem ich auch die Korrespondenten Rohde, Deussen, Gersdorff, Bülow zähle. Burckhardt hatte im 5. Abschnitt seiner »griechischen Kulturgeschichte« (»Zur Gesamtbilanz des griechischen Lebens«) die gesamte griechische Kultur auf den Untergrund des Pessimismus gestellt. Und den Hauptstoff jener Unterhaltung zwischen Nietzsche und Wagner bei der bereits in Leipzig stattgehabten ersten Begegnung [Biogr. I, S. 291] hatte Schopenhauer abgegeben. Verwandt war Nietzsche mit Burckhardt durch seine bisherigen Griechenstudien, wenn er nach dem Empfehlungsbrief seines Lehrers Ritschi vom 11. 1. 1869 [Biogr. I, S. 295] »den Schwerpunkt seiner Studien ... bisher in griechischer Literaturgeschichte — mit bewußter Betonung wie mir scheint, der Geschichte der griechischen Philosophie« gefunden hatte. Verwandt also durch Studien, die der Kulturspekulation direkt zu Gebote standen. Verwandt mit Wagner war er durch eben jenen »Dilettantismus«, den ich erwähnte (von Naumburg aus schreibt er an Rohde [Biogr. I, S. 277], »man könne nicht genug staunen, wie bedeutend jede einzelne Kunstanlage in diesem Menschen ist, welche unverwüstliche Energie hier mit vielseitigem künstlerischem Interesse gepaart ist«), verwandt im Aristokratismus, in der gemeinsamen Verehrung der Romantiker (Hölderlin Nietzsches Lieblingsdichter in Pforta) usw. Auch besitzt Nietzsche schon in Pforta einen Klavierauszug von »Tristan und Isolde« und ist »Wagnerianer« (»Ecce homo«, Warum ich so klug bin, Ziffer 6, S. 42).

Die Folge ist ein heftiger Verkehr mit diesen beiden Geistern, ein Verkehr, von dessen Fruchtbarkeit man sich nicht leicht eine übertriebene Vorstellung bilden wird. Von Burckhardt berichtet Nietzsche an Rohde [Briefe II, vom 23. 11. 1871, S. 270,] sehr ergötzlich, wie er mit ihm unter Spendeopfern »die Dämonenweihe« gefeiert habe; so wie [Briefe II, S. 523]: »ich bin jetzt täglich mit ihm zusammen in vertrautestem Verkehre«. In Tribschen macht Nietzsche in den ersten drei Jahren seines Basler Aufenthalts nicht weniger als 23 Besuche [Briefe I, S. 37] und erklärt am 3. 9. 1869 [Briefe II, S. 167] ganz verwirrt: »Was ich dort lerne und schaue, höre und verstehe, ist unbeschreiblich. Schopenhauer und Goethe, Aeschylus und Pindar leben noch, glaub es mir.« Bereits am 4. 8. 1869, vier Monate in Basel, hatte er an Gersdorff geschrieben [Briefe I, vom 4. 8. 1869, S. 85]: »So las ich noch gestern ein Manuskript, das er [Wagner] mir gegeben hatte, ›über Staat und Religion‹; ein größerer tiefsinniger Aufsatz, dazu bestimmt, seinen jungen Freund, den kleinen Bayernkönig über seine innere Stellung zu Staat und Religion aufzuklären. Nie ist in würdigerer und philosophischerer Weise zu einem König geredet worden, ich war ganz erhoben und erschüttert von dieser Idealität.« Die Freundschaft mit Wagner erreichte rasch einen solchen Grad der Intimität, daß Nietzsche in den ersten Monaten seines Basler Aufenthaltes den Tag in Tribschen verweilte, an dem Siegfried Wagner geboren wurde [Biogr. II, S. 15], daß Nietzsche bereits Weihnachten 1869 mit Wagner die Korrekturbogen zu dessen neuerdings herausgekommenen Autobiographie durchlas [Biogr. II, S. 20].

So zeigen sich bald auch die ersten Resultate. Das gemeinsame Merkmal ist, daß von Wagner aus, der in eminentestem Sinne als Kulturträger gilt, die griechische Kultur zur Zeit der Tragödienentstehung betrachtet und von da aus zum Vergleich mit der Gegenwart geschritten wird. Daß Wagners Ideenkreis zur Erklärung und Durchleuchtung gewisser dunkler Seiten des werdenden Griechentums dient, und eben jener Werdezustand der griechischen Kultur, den Nietzsche »dionysisch« nennt, umgekehrt zu einer entwicklungsgeschichtlichen Begründung Wagners in der modernen Kultur von außerordentlicher Wucht und Tiefe Anlaß wird, daran schließen sich Nietzsches Kulturspekulationen. Der eigentliche Kolumbusbegriff Nietzsches aber ist die spaßlose, bis in die letzten Konsequenzen gehende Gleichsetzung Wagners mit den griechischen Tragikern. Als erster empfindet er die Musik Wagners als »Ausdruck einer dionysischen Mächtigkeit der Seele. In ihr glaubte ich das Erdbeben zu hören, mit dem eine von Alters her aufgestaute Urkraft von Leben sich endlich Luft macht, gleichgültig dagegen, ob alles, was sich heute Kultur nennt, damit ins Wackeln gerät.« [W. VIII, S. 192]. In Wagner sah Nietzsche [W. I, S. 516] »einen Gegen-Alexander: er bannt und schließt zusammen, was vereinzelt schwach und lässig war, er hat, wenn ein medizinischer Ausdruck erlaubt ist, eine adstringierende Kraft: insofern gehört er zu den ganz großen Kulturgewalten.« Für Nietzsche gab es [W. L, S. 515] »zwischen Aeschylus und R. Wagner solche Nähen und Verwandtschaften, daß man fast handgreiflich an das sehr relative Wesen aller Zeitbegriffe gemahnt wird.« Für Nietzsches Feuergeist stand fest: Wagner mußte zur Wirkung gebracht, mußte durchgesetzt werden mit allen Mitteln, mit aller Energie, mit dem restlosen Einsatz der Persönlichkeit. Entweder er verkörperte in sich einen neuen Begriff der Kultur, vielleicht die Kultur, oder aber er besaß zum mindesten das Recht, eine neue Kultur zu fordern und heraufzubringen.


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