§ 34. Hobbes' Verhältnis zur Religion


»Es ist ein problema, ob Hobbes ein Atheist gewesen?« Einige haben ihn »unter die Atheisten-Rotte gezählet und darinnen gelassen«, Gundling aber hat ihn davon freigesprochen.64) »Hobbes war kein Freund von der hohen Geistlichkeit und also auch nicht von der englischen. Sein Reich der Finsternis (die Herrschaft der Geistlichkeit, insbesondere der katholischen ›Leviath.‹, c. 44-47) stunde derselben so wenig an als dem Papst.« Wer aber diesem und jener etwas nimmt, ist ein Ketzer und Atheist. Seldenus mußte in eben dieser Klasse stehen, weil er ihren geistlichen Zehenten angefochten; und Hobbes ging noch weiter als Seldenus: »Er schmisse das Kind mit dem Bade weg; er hatte eine besondere Philosophie und Theologie.« Der Vorwurf des Atheismus gründete sich erstlich darauf, daß nach Hobbes das Materielle, Körperliche allein das Wirkliche, Gott also nach ihm ein Körper sei. Dagegen verteidigte sich selbst Hobbes im Anhang zum »Leviathan« folgendermaßen: »Zeige mir, wenn du kannst, das Wort unkörperlich oder immateriell in der Schrift. Ich aber zeige dir, daß die Fülle der Gottheit leibhaftig in Christo wohnte. Wir alle sind und bewegen uns in Gott, sagt der Apostel. Wir alle aber haben eine Größe. Kann aber das, was Größe hat, in dem sein, was keine Größe hat? Groß ist Gott, heißt es in der Schrift, aber Größe kann nicht ohne Körperlichkeit gedacht werden.« Zweitens gründete er sich darauf, daß Hobbes die Eigenschaften Gottes wie z.B. die Weisheit unbegreifliche Attribute nenne, die einem unbegreiflichen Wesen nur als Zeichen der Ehre beigelegt würden. »Ich finde aber nicht«, bemerkt Gundling dagegen, »warum man denjenigen, der... Gottes Natur vor inkomprehensibel hält, vor einen Atheisten ausgeben wolle, da doch alle theologi gestehen, daß man von Gottes Eigenschaften und dessen ganzen Wesen nichts proprie wisse und verstehe, sondern, eben weil alles unendlich ist, davon nur en général und überhaupt rede.« Gundling hat recht. Hobbes ist kein Atheist, wenigstens nicht mehr Atheist, als es die moderne Welt überhaupt ist. Im Besondern, Wirklichen ist er allerdings Materialist, Atheist, aber en général ist er Theist. Gott ist ein Körper, aber was für einer? Luft, Licht, Wasser, Sonne, Mond, Stern, Stein, pflanzlicher, tierischer, menschlicher Körper? Nein, nur Körper en général, ein Körper ohne Körperlichkeit, ein Körper, von dem wir daher gar nichts wissen, gar nichts denken und sagen können. »Wer Gott keinen Namen beilegen will«, sagt Hobbes (»Leviath.«, c. 31), »als solche, die mit der natürlichen Vernunft übereinstimmen, der muß entweder nur negative Ausdrücke gebrauchen wie ›unendlich‹, ›ewig‹, ›unbegreiflich‹ oder Superlative wie ›höchster‹, ›größter‹ oder unbestimmte Namen wie ›gut‹, ›gerecht‹, ›heilig‹, ›Schöpfer‹, und zwar so, daß er damit nur seine Verehrung und Bewunderung ausdrücken65), aber nicht sagen will, was Gott sei. Es gibt nur einen Namen seines Wesens: Er ist.« »Unicum enim Naturae suae Nomen habet Est.« Das »quid sit«, das Wesen, der Inhalt, das Positive gehört dem Atheismus, der Welt, den Sinnen, das bloße »ist« aber dem Theismus, der Gottheit an. Hobbes ist also keineswegs »Gottesleugner«; aber sein Theismus ist dem Wesen, dem Inhalt nach, wie überhaupt der Theismus der modernen Welt, Atheismus, sein Gott nur ein negatives Wesen oder vielmehr Unwesen.

Was näher Hobbes' Verhältnis zur christlichen Religion oder Glaubenslehre betrifft, so ist nur zu bemerken, daß ihm die sogenannte positive Religion nur Sache des Staats, der Staat das Reich Gottes (»Leviath.«, c. 35), das Staatsoberhaupt auch das kirchliche oder religiöse Oberhaupt66), der Repräsentant und Stellvertreter Gottes ist — »der Wille Gottes wird nur durch den Staat erkannt« (»De Hom.«, c. 15) , daß er daher als ein guter Bürger aus denselben Gründen, aus welchen er seinen Willen den Gesetzen seines Staates oder Landes unterwirft, auch seine Vernunft den Dogmen der Staatskirche unterwirft. Was aber sein innerliches Verhältnis zu den Mysterien des christlichen Glaubens betrifft, so charakterisiert dieses hinlänglich folgende Äußerung von ihm: »Die Glaubensgeheimnisse muß man wie heilsame, aber bittere Pillen ganz hinunterschlucken; wenn man sie zerkaut« (d.h. der Kritik der Zunge unterwirft), »so werden sie gewöhnlich ausgespieen.« (»Leviath.«, c. 32 u. »De Civ.«, c. 18, § 4)

 

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64) »Gundlingiana«, XIV. Stück, 1717.

65) Sehr richtig: Die Prädikate Gottes sind nur Prädikate des menschlichen Gemüts, des menschlichen Affekts. Überhaupt finden sich bei Hobbes einzelne treffliche Bemerkungen über die Religion und ihre Genesis, die er freilich nur auf die heidnischen Religionen beschränkt.

66) »Unus«, sagt Hobbes (»Leviath.«, c. 39), »denique Rector tum Spiritualis, tum Temporalis esse debet, aut utraque simul potestas interibit, nimirum per contentiones inter Ecclesiam et Civitatem, inter Spiritualistas et Temporalistas, inter gladium Justitiae et scutum Fide, et (quod majus est) in unius cujusque Christiani pectore inter Christianum et Hominem.«


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