Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut


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Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut,

Der Rhein vorüberrauschet;

Wohl durch das Gitterfenster schaut

Die junge Nonne und lauschet.

 

Da fährt ein Schifflein, märchenhaft

Vom Abendrot beglänzet;

Es ist bewimpelt von buntem Taft,

Von Lorbeern und Blumen bekränzet.

 

Ein schöner blondgelockter Fant

Steht in des Schiffes Mitte;

Sein goldgesticktes Purpurgewand

Ist von antikem Schnitte.

 

Zu seinen Füßen liegen da

Neun marmorschöne Weiber;

Die hochgeschürzte Tunika

Umschließt die schlanken Leiber.

 

Der Goldgelockte lieblich singt

Und spielt dazu die Leier;

Ins Herz der armen Nonne dringt

Das Lied und brennt wie Feuer.

 

Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmal

Schlägt sie ein Kreuz, die Nonne;

Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual,

Nicht bannt es die bittre Wonne.

 

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 19.09.2005 
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