Weiße Rosen


1

 

Du bissest die zarten Lippen wund,

Das Blut ist danach geflossen;

Du hast es gewollt, ich weiß es wohl,

Weil einst mein Mund sie verschlossen.

 

Entfärben ließt du dein blondes Haar

In Sonnenbrand und Regen;

Du hast es gewollt, weil meine Hand

Liebkosend darauf gelegen.

 

Du stehst am Herd in Flammen und Rauch,

Daß die feinen Hände dir sprangen;

Du hast es gewollt, ich weiß es wohl,

Weil mein Auge daran gehangen.

 

2

 

Du gehst an meiner Seite hin

Und achtest meiner nicht;

Nun schmerzt mich deine weiße Hand,

Dein süßes Angesicht.

 

O sprich wie sonst ein liebes Wort,

Ein einzig Wort mir zu!

Die Wunden bluten heimlich fort,

Auch du hast keine Ruh.

 

Der Mund, der jetzt zu meiner Qual

Sich stumm vor mir verschließt,

Ich hab ihn ja so tausendmal,

Vieltausendmal geküßt.

 

Was einst so überselig war,

Bricht nun das Herz entzwei;

Das Aug, das meine Seele trank,

Sicht fremd an mir vorbei.

 

3

 

So dunkel sind die Straßen,

So herbstlich geht der Wind;

Leb wohl, meine weiße Rose,

Mein Herz, mein Weib, mein Kind!

 

So schweigend steht der Garten,

Ich wandre weit hinaus;

Er wird dir nicht verraten,

Daß ich nimmer kehr nach Haus.

 

Der Weg ist gar so einsam,

Es reist ja niemand mit;

Die Wolken nur am Himmel

Halten gleichen Schritt.

 

Ich bin so müd zum Sterben;

Drum blieb' ich gern zu Haus

Und schliefe gern das Leben

Und Lust und Leiden aus.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 06:20:42 •
Seite zuletzt aktualisiert: 10.09.2005 
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