Ritter und Dame


1

 

Zu den Füßen seiner Dame

Liebestrunken sitzt der Ritter;

Sprechend blitzen seine Augen,

Schweigend ruhen seine Lippen.

 

Am Balkone sitzt die Dame,

Eine goldne Schärpe wirkt sie;

Auf den Ritter blickt sie lächelnd,

Und mit hellem Klange spricht sie:

 

»Denket Ihr auf Tod und Schlachten,

Oder sinnt Ihr Minnelieder?

Wahrlich, Eure stumme Weise

Bleibt mir unerklärlich, Ritter!

 

Schwört Ihr erst in tausend Briefen,

Tausend unerhörte Dinge

Hättet Ihr für meine Ohren

Und das Herz sei voll zum Springen!

 

Fleht Ihr erst in tausend Briefen

Um ein heimlich einsam Stündchen!

Wohl, die Stunde ist gekommen -

Redet jetzt von tausend Dingen!«

 

Und der Ritter bricht das Schweigen:

»Zürnt mir nicht, o Wonnemilde;

Wisset, daß geheimer Zauber

Bleiern mir die Zunge bindet.

 

Nur ein Wink aus Euren Augen,

Nur ein Wort von Euren Lippen,

Nur Ihr selbst, o meine Herrin,

Könnt den argen Bann bezwingen.«

 

2

 

Und zum andern sitzt der Ritter

Seiner Herrin an der Seite;

Von der Schulter glänzt die Schärpe

Als ein freundlich Minnezeichen.

 

Sieghaft schlingt er seine Arme

Um den Leib des stolzen Weibes,

Unaufhaltsam süße Worte

Schwatzt er, und die Dame schweiget.

 

Will zu einem halben Wörtchen

Öffnen sie der Lippen Zeile,

Schließt er ihr den Mund mit Küssen,

Und die Dame lauscht und schweiget.

 

»Süße Herrin, unerklärlich

Bleibt mir Eure stumme Weise!

Wollen Eure roten Lippen

Gleiches zahlen mir mit Gleichem?

 

Oder lernten diese Lippen

Lieblicher die Zeit vertreiben?

Gar behäglich ist das Schwatzen;

Doch ein andres ist gescheiter.«

 

Draußen auf den Mandelblüten

Ruht die Nacht im Mondenscheine;

Unaufhaltsam schwatzt der Ritter,

Und die Dame lauscht und schweiget.

 

Gab sie hin des Blickes Zauber?

Sprach sie aus die Zauberweise?

Doch nicht fürder klagt die Dame

Über ihres Ritters Schweigen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 11.09.2005 
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