Eine Frühlingsnacht


Im Zimmer drinnen ist's so schwül;

Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.

 

Im Fieber hat er die Nacht verbracht;

Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.

 

Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand;

Er hält die Uhr in der weißen Hand.

 

Er zählt die Schläge, die sie pickt,

Er forschet, wie der Weiser rückt;

 

Es fragt ihn, ob er noch leb' vielleicht,

Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht.

 

Die Wartfrau sitzt geduldig dabei,

Harrend, bis alles vorüber sei. -

 

Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod;

Und draußen dämmert das Morgenrot.

 

An die Fenster klettert der Frühlingstag.

Mädchen und Vögel werden wach.

 

Die Erde lacht in Liebesschein,

Pfingstglocken läuten das Brautfest ein;

 

Singende Bursche ziehn übers Feld

Hinein in die blühende, klingende Welt. -

 

Und immer stiller wird es drin;

Die Alte tritt zum Kranken hin.

 

Der hat die Hände gefaltet dicht;

Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.

 

Dann geht sie fort. Stumm wird's und leer;

Und drinnen wacht kein Auge mehr.


 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 03:26:52 •
Seite zuletzt aktualisiert: 10.09.2005 
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