V. [Kurzer Abriß der Psychoanalyse: »Tiefenpsychologie«. Anwendung der Psychoanalyse auf andere Geisteswissenschaften]


Aber niemals hätte die Psychoanalyse durch ihre Bedeutung für die Psychiatrie die Aufmerksamkeit der intellektuellen Welt auf sich gezogen oder einen Platz in The History of Our Times für sich erobert. Diese Wirkung ging von der Beziehung der Psychoanalyse zum normalen Seelenleben, nicht zum pathologischen aus. Ursprünglich beabsichtigte die analytische Forschung ja nichts anderes als die Entstehungsbedingungen (Genese) einiger krank­hafter Seelenzustände zu ergründen, aber in dieser Bemühung gelangte sie dazu, Verhältnisse von grundlegender Bedeutung aufzudecken, geradezu eine neue Psychologie zu schaffen, so daß man sich sagen mußte, die Gültigkeit solcher Funde könne unmöglich auf das Gebiet der Pathologie beschränkt sein. Wir wissen bereits, wann der entscheidende Nachweis für die Richtigkeit dieses Schlusses erbracht wurde. Es war, als die Deutung der Träume durch die analytische Technik gelang, der Träume, die ja dem Seelenleben der Normalen angehören und doch eigentlich pathologischen Produktionen entsprechen, die regelmäßig unter den Bedingungen der Gesundheit entstehen können.

Hielt man an den psychologischen Einsichten fest, die man durch das Studium der Träume gewonnen hatte, so war nur noch ein Schritt zu tun, um die Psychoanalyse als Lehre von den tieferen, dem Bewußtsein nicht direkt zugänglichen, seelischen Vorgängen, als »Tiefenpsychologie« proklamieren und auf fast sämtliche Geisteswissenschaften anwenden zu können. Dieser Schritt bestand in dem Übergang von der seelischen Tätigkeit des Einzel­menschen zu den psychischen Leistungen von menschlichen Gemeinschaften und Völkern, also von der Individual- zur Massenpsychologie, und man sah sich durch viele überraschende Analogien zu ihm gedrängt. So hatte man z. B. erfahren, daß in den tiefen Schichten unbewußter Geistestätigkeit Gegen­sätze nicht voneinander unterschieden, sondern durch das nämliche Element ausgedrückt werden. Aber der Sprachforscher K. Abel hatte schon 1884 die Behauptung aufgestellt (Über den Gegensinn der Urworte), daß die ältesten uns bekannten Sprachen mit dem Gegensatz nicht anders verfahren sind. So hat das Altägyptische z. B. für stark und schwach zunächst nur ein Wort, und erst später werden die beiden Seiten der Antithese durch leichte Modifi­kationen auseinandergehalten. Noch in den modernsten Sprachen lassen sich deutliche Überreste dieses Gegensinnes aufzeigen, so im deutschen »Boden« — das Oberste wie das Unterste im Haus, ähnlich wie »altus« — hoch und tief — im Lateinischen. So ist die Gleichstellung der Gegensätze im Traum ein allgemeiner archaischer Zug menschlichen Denkens.

Um ein Beispiel aus einem anderen Gebiet zu geben: es ist unmöglich, sich dem Eindruck der vollen Übereinstimmung zu entziehen, die man zwi­schen den Zwangshandlungen gewisser Zwangskranker und den religiösen Betätigungen der Frommen in aller Welt entdeckt. Manche Fälle von Zwangs­neurose benehmen sich geradezu wie eine karikierte Privatreligion, so daß man die offiziellen Religionen einer durch ihre Allgemeinheit ermäßigten Zwangsneurose gleichsetzen möchte. Dieser für alle Gläubigen gewiß höchst anstößige Vergleich ist psychologisch doch sehr fruchtbar geworden. Denn für die Zwangsneurose ist es der Psychoanalyse bald bekannt worden, welche Kräfte hier miteinander ringen, bis ihre Konflikte sich den merkwürdigen Ausdruck durch das Zeremoniell der Zwangshandlungen geschaffen haben. Nichts ähnliches war für das religiöse Zeremoniell vermutet worden, bis es gelang, durch die Zurückführung des religiösen Gefühls auf das Vaterver­hältnis als seine tiefste Wurzel auch hier die analoge dynamische Situation nachzuweisen. Dies Beispiel mag übrigens den Leser daran mahnen, daß auch die Anwendung der Psychoanalyse auf nicht ärztliche Gebiete nicht umhin kann, hochgehaltene Vorurteile zu verletzen, an tiefwurzelnde Empfindlichkeiten zu rühren und so Feindschaften hervorzurufen, die eine wesentlich affektive Grundlage haben.

Wenn wir die allgemeinsten Verhältnisse des unbewußten Seelenlebens (die Konflikte der Triebregungen, die Verdrängungen und Ersatzbefriedigun­gen) als überall vorhanden annehmen dürfen und wenn es eine Tiefen­psychologie gibt, welche zur Kenntnis dieser Verhältnisse führt, so ist es eine billige Erwartung, daß die Anwendung der Psychoanalyse auf die mannig­fachsten Gebiete der menschlichen Geistestätigkeit überall wichtige und bisher unerreichbare Resultate zutage fördern wird. Eine überaus gehaltvolle Studie von Otto Rank und H. Sachs hat sich bemüht zusammenzustellen, inwieweit die Arbeit der Psychoanalytiker diese Erwartungen bis zum Jahre 1913 erfüllen konnte. Der Raummangel verbietet es mir, hier eine Vervoll­ständigung dieser Aufzählung zu versuchen. Ich kann nur das wichtigste Ergebnis herausheben und einige Einzelheiten daran anlehnen.

Wenn man von wenig bekannten inneren Antrieben absieht, so darf man sagen, der Hauptmotor der Kulturentwicklung des Menschen ist die äußere reale Not gewesen, die ihm die bequeme Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse verweigerte und ihn übergroßen Gefahren preisgab. Diese äußere Versagung zwang ihn zum Kampf mit der Realität, der teils in Anpassung an dieselbe, teils in Beherrschung derselben ausging, aber auch zur Arbeitsgemeinschaft und zum Zusammenleben mit seinesgleichen, womit bereits ein Verzicht auf mancherlei sozial nicht zu befriedigende Trieb­regungen verbunden war. Mit den weiteren Fortschritten der Kultur wuchsen auch die Ansprüche der Verdrängung. Die Kultur ist doch überhaupt auf Triebverzicht aufgebaut, und jedes einzelne Individuum soll auf seinem Wege von der Kindheit zur Reife an seiner Person diese Entwicklung der Menschheit zur verständigen Resignation wiederholen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß es vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, sexuelle Triebregungen sind, welche dieser kulturellen Unterdrückung verfallen. Ein Teil derselben zeigt nun die wertvolle Eigenschaft, sich von ihren nächsten Zielen ablenken zu lassen und so als »sublimierte« Strebungen ihre Energie der kulturellen Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Ein anderer Anteil bleibt aber als unbefriedigte Wunschregung im Unbewußten bestehen und drängt nach irgendwelcher, wenn auch entstellter Befriedigung.

Wir haben gehört, daß ein Stück der menschlichen Geistestätigkeit auf die Bewältigung der realen Außenwelt gerichtet ist. Nun fügt die Psychoanalyse hinzu, ein anderes, besonders hochgeschätztes Stück des seelischen Schaf­fens dient der Wunscherfüllung, der Ersatzbefriedigung jener verdrängten Wünsche, die seit den Jahren der Kindheit unbefriedigt in der Seele eines jeden wohnen. Zu diesen Schöpfungen, deren Zusammenhang mit einem unfaßbaren Unbewußten immer vermutet wurde, gehören Mythus, Dichtung und Kunst, und wirklich hat die Arbeit der Psychoanalytiker eine Fülle von Licht auf die Gebiete der Mythologie, der Literaturwissenschaft und der Künstlerpsychologie geworfen; als Vorbild sei hier nur die Leistung von O. Rank erwähnt. Man hat gezeigt, daß Mythen und Märchen eine Deutung zulassen wie die Träume, hat die verschlungenen Wege verfolgt, die vom Antrieb des unbewußten Wunsches bis zur Realisierung im Kunstwerk führen, hat die affektive Wirkung des Kunstwerks auf den Empfänger verstehen gelernt und beim Künstler selbst dessen innere Verwandtschaft wie seine Verschiedenheit vom Neurotiker geklärt und den Zusammenhang zwischen seiner Anlage, seinem zufälligen Erleben und seiner Leistung aufgezeigt. Die ästhetische Würdigung des Kunstwerks sowie die Aufklärung der künstle­rischen Begabung kommen zwar als Aufgaben für die Psychoanalyse nicht in Betracht. Es scheint aber, daß die Psychoanalyse imstande ist, in all den Fragen, die das menschliche Phantasieleben betreffen, das entscheidende Wort zu sprechen.

Und nun zudritt: Die Psychoanalyse hat uns zu unserem wachsenden Er­staunen erkennen lassen, welch ungeheuer wichtige Rolle der sogenannten Ödipuskomplex, d. i. die affektive Beziehung des Kindes zu seinen beiden Eltern, im Seelenleben des Menschen spielt. Dies Erstaunen ermäßigt sich, wenn wir erfassen, daß der Ödipuskomplex das psychische Korrelat zweier fundamentaler biologischer Tatsachen ist, der langen infantilen Abhängigkeit des Menschen und der merkwürdigen Art, wie sein Sexualleben im dritten bis fünften Jahr einen ersten Höhepunkt erreicht, um dann nach einer Periode der Hemmung mit der Pubertät neu einzusetzen. Dann aber eröffnete sich die Einsicht, daß ein drittes, höchst ernsthaftes Stück der menschlichen Geistestätigkeit, jenes, das die großen Institutionen der Religion, des Rechts, der Ethik und all der Formen der Staatlichkeit geschaffen hat, im Grunde darauf abzielt, dem einzelnen die Bewältigung seines Ödipuskomplexes zu ermöglichen und seine Libido aus ihren infantilen Bindungen in die endgültig erwünschten sozialen überzuleiten. Die Anwendungen der Psychoanalyse auf Religionswissenschaft und Soziologie (Referent, Th. Reik, O. Pfister), welche zu diesem Ergebnis geführt haben, sind noch jung und nicht genügend gewürdigt, aber es ist nicht zu bezweifeln, daß weitere Studien die Sicherheit dieser wichtigen Aufschlüsse nur erhöhen werden.

Wie als Anhang muß ich noch erwähnen, daß auch die Pädagogik es nicht unterlassen kann, sich die Winke zunutze zu machen, die ihr die analytische Erforschung des kindlichen Seelenlebens gibt. Ferner, daß sich unter den Therapeuten Stimmen erhoben haben (Groddeck, Jelliffe), die auch die psychoanalytische Behandlung schwerer organischer Leiden für aussichtsvoll erklären, da bei vielen dieser Affektionen auch ein psychischer Faktor mitgewirkt hat, auf den man Einfluß gewinnen kann.

So darf man die Erwartung aussprechen, daß die Psychoanalyse, deren Entwicklung und bisherige Leistung hier in knapper und unzureichender Weise dargestellt wurde, als ein bedeutsames Ferment in die kulturelle Ent­wicklung der nächsten Dezennien eingehen und dazu verhelfen wird, unser Weltverständnis zu vertiefen und manchem im Leben als schädlich Erkanntem zu widerstreben. Nur vergesse man nicht daran, daß die Psychoanalyse für sich allein ein vollständiges Weltbild nicht liefern kann. Wenn man die Unter­scheidung annimmt, welche ich kürzlich vorgeschlagen habe, die den seelischen Apparat in ein der Außenwelt zugewendetes, mit Bewußtsein ausgestattetes Ich und ein unbewußtes, von seinen Triebbedürfnissen beherrschtes Es zerlegt, so ist die Psychoanalyse als eine Psychologie des Es (und seiner Einwirkungen auf das Ich) zu bezeichnen. Sie kann also auf jedem Wissensgebiet nur Beiträge liefern, welche aus der Psychologie des Ichs zu ergänzen sind. Wenn diese Beiträge oft gerade das Wesentliche eines Tatbestandes enthalten, so entspricht dies nur der Bedeutung, welche das lange unerkannt gebliebene seelisch Unbewußte für unser Leben beanspruchen darf.


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