Eiszeit


Man weiß, daß nach dem Ende der tertiären Epoche eine Zeit eintrat, wo die Flachlande der mittleren Breiten Europas unter die Meeresfläche versunken waren und wo eine so kalte Temperatur in Europa herrschte, daß die Täler der noch hervorragenden Berginseln bis an den Meeresspiegel hinab von Gletschern ausgefüllt waren. Die von diesen Gletschern abgelösten Eisberge trugen große und kleine, von den Bergen abgelöste Steinblöcke ins Meer hinaus, bis das Eis schmolz und die Blöcke und was sonst Erdiges vom Eise mitgenommen war, zu Boden fielen, ein Prozeß, der an den Küsten der Polarregionen noch täglich vorgeht.

Zur Eiszeit war auch Irland, mit Ausnahme der Bergkuppen, unter den Meeresspiegel versenkt. Das Maximum der Senkung mag nicht überall gleich gewesen sein, doch darf man es im Durchschnitt auf 1.000 Fuß unter die jetzige Höhe annehmen; die Granitgebirge südlich von Dublin müssen bis über 1.200 Fuß gesunken sein.

Eine Senkung von nur 500 Fuß ließe von Irland nur die Gebirge übrig, welche dann als Inseln in zwei halbkreisförmigen Gruppen um einen breiten, von Dublin nach Galway laufenden Sund herumliegen würden. Eine noch tiefere Senkung würde die Inseln nur verkleinern und ihre Zahl vermindern, bis bei 2.000 Fuß Senkung nur noch die äußersten Bergkuppen aus dem Wasser ragen würden.2) Während die Senkung langsam vor sich ging, müssen die Kalksteinebene wie die Bergflanken noch von manchem darüberliegenden älteren Gestein reingefegt worden sein; dann folgte die Ablagerung des der Eiszeit eigentümlichen "Drift" auf dem ganzen, vom Wasser bedeckten Gebiet. Die Produkte der Verwitterung der Berginseln sowie die feinzerrissenen Gesteinteilchen, welche bei der Ausschürfung der Täler durch die in ihnen sich langsam, aber wuchtig fortschiebenden Gletscher abfielen - Erde, Sand, Kies, Steine, glattgeschliffene Blöcke im Eise selbst, scharfkantige auf seiner Oberfläche -, alles das wurde von den am Strand sich loslösenden Eisbergen hinausgetragen ins Meer und fiel dort nach und nach zu Boden. Die hierdurch gebildete Schicht besteht je nach Umständen aus Lehm (von Tonschiefer herrührend), Sand (von Quarz und Granit her rührend), Kalkkies (vom Kalkgebirge geliefert), Mergel (wo fein zerkleinerter Kalk dem Lehm beigemengt) oder aus Mischungen aller dieser Bestandteile; in allen Fällen aber enthält sie eine Menge größerer oder kleinerer, bald abgerundeter, bald scharfkantiger Steine bis zu jenen kolossalen erratischen Blöcken hinauf, die in Irland noch häufiger vorkommen als in der Norddeutschen Ebene oder zwischen Alpen und Jura.

Bei der nachher erfolgten Wiedererhebung des Bodens aus dem Meer erhielt diese neugebildete Oberfläche, im rauhen wenigstens, ihre heutige Gestaltung. In Irland scheint dabei nur wenig Wegspülung stattgefunden zu haben; mit wenig Ausnahmen bedeckt der Drift in dickerer oder dünnerer Lage das ganze ebne Land, zieht sich in den Gebirgen alle Täler hinan und findet sich auch noch häufig hoch an den Bergflanken hinauf. Die darin vorkommenden Steine sind meistens Kalk, weshalb die ganze Schicht hier gewöhnlich den Namen Kalksteinkies (limestone gravel) trägt. Auch große Blöcke Kalkstein sind über das ganze niedere Land massenhaft zerstreut, fast in jedem Felde einer oder mehrere; in der Nähe der Berge finden sich selbstredend neben dem Kalkstein auch die von ihnen herrührenden Lokalgesteine, namentlich der Granit, in großer Menge. Der Granit von der nördlichen Seite der Bucht von Galway kommt in der Ebene nach Südosten bis an die Galton-Berge hin häufig, bis nach Mallow (Gfsch. Cork) vereinzelt vor.

Der Norden des Landes ist bis zur gleichen Meereshöhe ebenso mit Drift bedeckt wie die Zentralebene; der Süden hat, zwischen den verschiedenen mehr oder weniger parallelen Gebirgsreihen, die ihn durchziehen, eine ähnliche, von Lokalgesteinen meist silurischer Formation herrührende Ablagerung aufzuweisen, die namentlich im Tal des Flesk und Laune bei Killarney massenhaft auftritt.Die Gletscherspuren an den Berghängen und auf den Talsohlen Irlands sind namentlich im Südwesten sehr häufig und unverkennbar. Schärfer ausgeprägte Eisspuren aller Art als bei Killarney (im Black Valley und im Gap of Dunloe) erinnere ich mich nur im Oberhasli und hie und da in Schweden gesehen zu haben.

Die Erhebung des Bodens während oder nach der Eiszeit scheint so stark gewesen zu sein, daß Britannien eine Zeitlang nicht nur mit dem Kontinent, sondern auch mit Irland durch trocknes Land verbunden war. Wenigstens nur so scheint die Gleichheit der Fauna dieser Länder zu erklären. Von großen ausgestorbenen Säugetieren hat Irland mit dem Kontinent gemein: das Mammut, den irischen Riesenhirsch, den Höhlenbären, eine Rentierart usw. In der Tat würde eine Erhebung von weniger als 240 Fuß über das gegenwärtige Niveau hinreichen, um Irland und Schottland, und eine von weniger als 360 Fuß, um Irland und Wales durch breite Landrücken zu verbinden.3) Daß seit der Eiszeit Irland einmal ein höheres Niveau eingenommen als jetzt, wird bewiesen durch die an der ganzen Küste vorkommenden unterseeischen Torfmoore mit aufrechtstehenden Baumstümpfen und Wurzeln, die in jeder Beziehung identisch sind mit den untersten Schichten der benachbarten binnenländischen Torfmoore.

Der Boden Irlands, soweit er für den Ackerbau in Betracht kommt, wird demnach fast ausschließlich gebildet vom "Drift" der Eisperiode, der hier, dank seiner Herkunft von Schiefer und Kalkgestein, nicht jener öde Sand ist, mit dem die schottischen, skandinavischen und finnländischen Granite einen so großen Teil Norddeutschlands zugedeckt haben, sondern ein äußerst fruchtbarer, leichter Lehmboden. Die Mannigfaltigkeit der Gesteine, die ihren Abfall an diesen Boden abgegeben haben und noch abgeben, versorgte ihn mit einer entsprechenden Mannigfaltigkeit der für die Vegetation erforderlichen mineralischen Bestandteile; und wenn einer derselben, der Kalk, in der Ackerkrume selbst häufig abwesend ist, so finden sich doch überall kleinere und größere Kalkblöcke in Menge - vom unterliegenden Kalkfels abgesehn -, so daß er mit Leichtigkeit zugesetzt werden kann.

 

__________________

2) Von den 32.509 engl. Quadratmeilen Irlands liegen zwischen dem Meeresspiegel und 250 Fuß Meereshöhe 13.243; von 251-500 Fuß: 11.797; 501-1.000 Fuß: 5.798; 1.001-2.000 Fuß: 1.589; 2.001 Fuß und darüber: 82 Quadratmeilen.

3) Siehe Karte 15a, Stielers Handatlas, 1868. Diese Karte, sowie Nr. 15d für Irland speziell, gibt eine sehr anschauliche Darstellung der Terraingestaltung.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 20:18:34 •
Seite zuletzt aktualisiert: 27.09.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright