Das Christentum


Das Christentum muß schon früh in Irland, wenigstens an der Ostküste, Eingang gefunden haben. Anders ist nicht zu erklären, daß schon lange vor Patricius so viele Irländer eine bedeutende Rolle in der Kirchengeschichte spielen. Pelagius der Ketzer gilt gewöhnlich für einen Waliser Mönch aus Bangor; es gab aber auch ein irisches uraltes Kloster Bangor oder vielmehr Banchor bei Carrickfergus und daß er hierher gehört, beweist Hieronymus, der ihn "dumm und von skotischem Brei schwerfällig" ("scotorum pultibus praegravatus") nennt. Es ist die erste Erwähnung des irischen Hafermehlbreis (ir[isch] lite, angloir[isch] stirabout), der schon damals, wie noch später bis zur Einführung der Kartoffel und dann neben ihr die Hauptnahrung des irischen Volks war. Des Pelagius Hauptschüler Cölestius und Albinus waren ebenfalls Skoten, d.h. Irländer. Cölestius schrieb, wie Gennadius erzählt, aus seinem Kloster drei ausführliche Briefe an seine Eltern, woraus hervorgeht, daß im 4. Jahrhundert die Buchstabenschrift in Irland bekannt war.

In allen Schriften des früheren Mittelalters heißen die Iren Skoten, und das Land Skotia; wir finden diese Bezeichnung bei Claudian, Isidor, Beda, dem Geographen von Ravenna, Eginhard und noch bei Alfred dem Großen: "Hibernia, das wir Schottland nennen" ("Igbernia the ve Scotland hatadh"). Das heutige Schottland hieß mit fremdem Namen Caledonia, mit einheimischem Alba, Albania; die Übertragung des Namens Scotia, Schottland, auf die Nordspitze der östlichen Insel fand erst im 11. Jahrhundert statt. Die erste größere Einwanderung irischer Skoten nach Alba soll in die Mitte des 3. Jahrhunderts fallen; Ammianus Marcellinus kennt sie dort schon im Jahre 360. Die Einwanderung geschah auf dem kürzesten Seewege, von Antrim nach der Halbinsel Kintyre; noch Nennius erwähnt ausdrücklich, daß die Briten, die damals das ganze schottische Niederland bis an den Clyde und Forth innehatten, durch die Skoten von Westen, durch die Pikten von Norden her angegriffen worden seien. Auch die siebente der altwalisischen historischen "Triaden" erzählt, daß die gwyddyl ffichti (s. unten) von Irland über das Nordmännische Meer (Môr Llychlin) nach Alban kamen und sich an der Küste dieses Meeres niederließen. Daß das Meer zwischen Schottland und den Hebriden Nordmännisches heißt, beweist nebenbei, daß diese "Triade" jünger ist als die nordmännische Eroberung der Hebriden. Um das Jahr 500 kamen von neuem größere Scharen Skoten herüber, die allmählich ein eignes, sowohl von Irland wie von den Pikten unabhängiges Königreich bildeten und endlich unter Kenneth MacAlpin im 9. Jahrhundert die Pikten unterwarfen und das Reich herstellten, auf das etwa 150 Jahre später, wohl zuerst durch die Nordmänner, der Name Schottland, Scotia, sich übertrug.

Im 5. und 6. Jahrhundert werden in altwalisischen Quellen (Nennius, die "Triaden") Einfälle der gwyddyl ffichti oder gälischen Pikten nach Wales erwähnt, die allgemein als Einfälle von irischen Skoten gedeutet werden. Gwyddyl ist walisische Form für gavidheal, mit welchem Namen die Iren sich selbst bezeichnen. Woher die Bezeichnung Pikten kommt, mögen andre untersuchen.

Im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts wurde durch Patricius (irisch Patrick, Patraic, da die Kelten das c nach altrömischer Weise immer wie k aussprechen) das Christentum ohne gewaltsame Erschütterungen zur Herrschaft gebracht. Der Verkehr mit Britannien, der schon lange bestanden, wurde um diese Zeit ebenfalls lebhafter; es kamen Baumeister und Bauhandwerker herüber, die den Iren, die bisher nur losen Steinbau gekannt hatten, den Mörtelbau beibrachten; daß dieser vom 7. bis 12. Jahrhundert nur bei kirchlichen Gebäuden vorkommt, beweist hinlänglich, daß seine Einführung mit der des Christentums zusammenhängt, und ferner, daß von jetzt an die Geistlichkeit, die Vertreterin ausländischer Bildung, sich in ihrem intellektuellen Entwicklungsgang vollständig vom Volk trennte. Während das Volk gar keine oder doch nur äußerst langsame soziale Fortschritte machte, entwickelte sich innerhalb der Geistlichkeit bald eine literarische Bildung, die für die damalige Zeit außerordentlich war und nach damaliger Manier sich zumeist in dem Eifer für Heidenbekehrung und Klösterbegründung äußerte. Columba bekehrte die britischen Skoten und die Pikten; Gallus (der Stifter von St. Gallen) und Fridolin die Allemannen, Kilian die Mainfranken, Virgilius die Salzburger; alle fünf waren Iren; die Angelsachsen wurden ebenfalls hauptsächlich durch irische Missionare zum Christentum gebracht. Daneben aber galt Irland in ganz Europa als Pflanzschule der Gelehrsamkeit, so sehr, daß Karl der Große einen irischen Mönch Albinus nach Pavia als Lehrer berief, wo ihm später ein anderer Ire, Dungal, folgte. Der bedeutendste Mann aus der großen Anzahl für ihre Zeit wichtiger, aber jetzt meist vergessener irischer Gelehrten, war der "Vater" oder, wie Erdmann ihn nennt, der "Carolus Magnus |Karl der Große| der mittelalterlichen Philosophie" - Johannes Scotus Erigena. "Er war der erste, mit dem nun eine wahrhafte Philosophie beginnt", sagt Hegel von ihm. Er allein von allen Westeuropäern des 9. Jahrhunderts verstand Griechisch und knüpfte durch seine Übersetzung der dem Dionysius Areopagita zugeschriebenen Schriften wieder an an den letzten Ausläufer der alten Philosophie, die alexandrinisch-neuplatonische Schule. Seine Lehre war von großer Kühnheit für seine Zeit; er leugnet die Ewigkeit der Verdammnis, selbst für den Teufel, und streift hart an den Pantheismus an; die gleichzeitige Orthodoxie ließ es daher auch nicht an Verlästerungen fehlen. Es dauerte volle zwei Jahrhunderte, bis die von Erigena begründete Wissenschaft in Anselm von Canterbury einen Fortbildner fand.19)

 

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19) Näheres über Erigenas Doktrin und Werke in Erdmann, "Grundriß der Gesch[ichte] der Phil[osophie]", 2. Aufl. Berlin 1869, I. Bd., p. 241-247. Erigena, der übrigens kein Geistlicher war, zeigt schon echt irischen kecken Witz. Als bei Tisch der ihm gegenübersitzende Karl der Kahle, König von Frankreich, ihn frug, wie groß der Abstand sei von einem Skoten (scot) bis zu einem Dummkopf (sot), antwortete Erigena: "Die Breite eines Tisches."


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