Altirland


Die Schriftsteller des griechischen und römischen Altertums sowie die Kirchenväter geben nur sehr wenig Aufschluß über Irland.

Dafür existiert eine noch immer ziemlich reichhaltige einheimische Literatur, trotz der vielen, in den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts verlorengegangenen irischen Schriften. Sie enthält Gedichte, Grammatiken, Glossarien, Annalen und andre historische Schriften und Rechtsbücher. Mit sehr wenig Ausnahmen jedoch existiert diese ganze Literatur, die die Periode mindestens vom 8. bis zum 17. Jahrhundert umfaßt, nur im Manuskript. Für die irische Sprache hat der Buchdruck erst seit wenig Jahren existiert, erst seit der Zeit, wo sie auszusterben begann. Das reiche Material ist also nur zum allergeringsten Teil zugänglich.

Unter den Annalen sind die wichtigsten die des Abts Tigernach (gestorben 1088), die von Ulster und vor allem die der vier Magister. Diese letzteren wurden 1632-1636 unter Leitung von Michael O'Clery, einem Franziskanermönch, mit Hilfe von drei andern Seanchaidhes (Altertumsforschern) im Kloster Donegal nach Materialien zusammengestellt, die jetzt fast alle verloren sind. Sie sind nach der noch existierenden Originalhandschrift aus Donegal in kritischer Ausgabe mit englischer Übersetzung herausgegeben von O'Donovan 1856.14) Die früheren Ausgaben von Dr. Charles O'Conor (der erste Teil der "IV Mag.", die "Annalen von Ulster" pp.) sind im Texte und Übersetzung unzuverlässig.

Den Anfang der meisten dieser Annalen macht die mythische Vorgeschichte Irlands; die Grundlage bilden alte Volkssagen, die von Dichtern des 9. und 10. Jahrhunderts ins unendliche ausgesponnen und von Mönchschronisten dann in gehörige chronologische Ordnung gebracht wurden. So fangen die "Annalen der IV Mag." an mit dem Jahre der Welt 2242, wo Ceasair, eine Enkelin Noahs, 40 Tage vor der Sündflut in Irland gelandet sei; so werden von andern die Vorfahren der Skoten, der letzten Einwanderer nach Irland, in direkter Genealogie von Japhet abgeleitet und mit Moses, mit den Ägyptern und Phöniziern in Verbindung gebracht, wie auch von unsern mittelalterlichen Chronisten die Vorfahren deutscher Stämme mit Troja, Äneas oder Alexander dem Großen. Die "IV Mag." widmen diesem Gefabel (in dem das einzig wertvolle Element, die wirkliche alte Volkssage, bis jetzt nicht zu unterscheiden ist) nur ein paar Seiten; die "Annalen von Ulster" lassen es ganz aus; schon Tigernach erklärt mit einer für seine Zeit wunderbaren kritischen Kühnheit, daß alle Denkmäler der Skoten vor König Cimbaoth (angeblich 300 Jahre vor Chr.) unsicher seien. Aber als Ende des vorigen Jahrhunderts neues nationales Leben in Irland erwachte und damit neues Interesse an der irischen Literatur und Geschichte, galten grade diese Mönchsfabeln für deren wertvollsten Bestandteil. Mit echt keltischem Enthusiasmus und mit spezifisch irischer Naivetät wurde der Glaube an diese Histörchen zu einem wesentlichen Bestandteil des nationalen Patriotismus erklärt; was der superklugen englischen Gelehrtenwelt - deren eigne Leistungen in der philologischen und historischen Kritik der übrigen Welt ja rühmlich genug bekannt sind - natürlich den erwünschten Vorwand bot, alles Irische als baren Unsinn beiseite zu werfen.15)

 

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14) "Annala Rioghachta Eireann, Annals of the Kingdom of Ireland by the Four Masters." Edited, with an English Translation, by Dr. John O'Donovan. 2nd edit., Dublin 1856, 7 vols in 4º.

15) Eins der naivsten Produkte jener Zeit sind: "The Chronicles of Eri, being the History of the Gaal Sciot Iber, or the Irish People, translated from the original manuscripts in the Phoenician dialect of the Scythian Language by O'Connor", London 1822, 2 vols. Der phönizische Dialekt der skythischen Sprache ist natürlich das keltische Irisch und das Originalmanuskript eine beliebige Vers-Chronik. Der Herausgeber ist Arthur O'Connor, Exilierter von 1798, Onkel des späteren Führers der englischen Chartisten, Feargus O'Connor, angeblicher Nachkomme der alten O'Connors, Könige von Connaught, und gewissermaßen irischer Kronprätendent. Vor dem Titel steht sein Porträt, ein hübsches, joviales, irisches Gesicht, seinem Neffen Feargus frappant ähnlich, mit der rechten Hand eine Krone fassend. Darunter: "O'Connor - cear-rige, head of his race, and O'Connor, chief of the prostrate people of his nation: 'Soumis, pas vaincus'." |"O'Connor - Haupt seines Stammes, und O'Connor, Führer des unterdrückten Volkes seines Landes: 'Unterworfen, doch nicht besiegt'."|



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 01.10.2005 
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