[Eine Zunahme der Schädelkapazität seit der jüngeren Steinzeit nicht sicher nachweisbar. Unhaltbarkeit der Roese-Woltmannschen Ansicht von der Bedeutung der Keimvariationen für die Fortschritte der Gehirnentwicklung.]


Die Einwände, welche Woltmann gegen die Ansicht Buschans erhob, daß die Zunahme der Schädelkapazität in Frankreich von der jüngeren Steinzeit bis zur Neuzeit mit den Fortschritten der Kultur in Zusammenhang steht, können nicht als ganz unstichhaltig bezeichnet werden. Die Möglichkeit, daß die verglichenen Schädel der verschiedenen Perioden nicht lediglich von Angehörigen ein und derselben Rasse stammen, ist nicht ganz auszuschließen. Die bei der rheinländischen Bevölkerung ermittelten Tatsachen sprechen auch keineswegs dafür, daß die Schädelkapazität entsprechend der Höhe der Kultur zunimmt. Dagegen erweist sich die Auffassung Woltmanns, die auch von Roese und Müller de la Fuente geteilt wird, daß die Fortschritte der Gehirnentwicklung lediglich auf Keimvariationen beruhen und eine erbliche Übertragung erworbener Eigenschaften hierbei nicht in Frage kommt, bei näherer Prüfung als völlig haltlos. Wenn auch durch Keimvariationen eine Zunahme des Gehirns zufälligerweise zustande kommen mochte, ist doch nicht anzunehmen, daß diese im einzelnen Falle erheblich war. Die geringe Volumenzunahme des Gehirns und die sie begleitende Intelligenzsteigerung konnte auf dem Wege der Vererbung auf Nachkommen übergehen und den betreffenden Individuen eine Überlegenheit im Kampf ums Dasein verschaffen, die zu einer Art Auslese führte. Diese Möglichkeiten müssen zugegeben werden, allein es ist keineswegs sicher, daß das fragliche Resultat der Keimvariationen bezüglich des Gehirns sich dauernd erhalten konnte, wenn dasselbe nicht durch Vererbung erworbener Eigenschaften gestützt wurde. Bei Ausfall des letzteren Moments mußte jeder weitere Fortschritt der Gehirnentwicklung von einer zufälligen neuen Keimvariation abhängen, und bei Festhaltung dieser Annahme ließe sich der Schluß nicht abweisen, daß lediglich eine unübersehbare Kette von Zufälligkeiten der Keimvariation den Menschen auf die Höhe der gegenwärtigen Gehirn- und Geistesentwicklung gebracht hat. Es bedarf keiner langen Ausführung, die Schwächen dieser Auffassung darzutun. Wir wollen nicht in Abrede stellen, daß Zufälligkeiten der Keimvariationen bei den Fortschritten der Gehirnentwicklung vom Urmenschen bis zum Kulturmenschen der Gegenwart eine Rolle gespielt haben mögen. Diese Variationen aber als ausschließliche Ursachen der Weiterentwicklung des Gehirns zu betrachten und der geistigen Arbeit der Einzelindividuen jeden Einfluß hierauf abzusprechen, hiefür besteht keinerlei Berechtigung. Wir wissen, daß wie Einzelindividuen, auch Familien, Stämme, Völker sich nicht bloß durch allgemeine intellektuelle Begabung, sondern auch durch die Entwicklung einzelner besonderer Anlagen (Musik, Tanz, Kunstfertigkeiten, Handel etc.) auch durch Charaktereigentümlichkeiten unterscheiden. Diese Differenzen können aber niemals durch Zufälligkeiten der Keimvariation, sondern nur durch Vererbung erworbener Eigenschaften erklärt werden.

Für den von Dubois auf Java entdeckten Schädelrest des Pithecanthropus erectus, der nach der Ansicht vieler Forscher eine Übergangsform vom Affen zum Menschen bildet, wurde eine Kapazität von annähernd 1000 ccm berechnet, für die Schädel der ältesten Einwohner Europas eine solche von ungefähr 1200 ccm. Unter den französischen Schädeln aus der jüngeren Steinzeit entfiel dagegen, wie wir sahen, der größte Prozentsatz auf die Kapazität von 1300—1400 und einzelne erreichten eine solche bis zu 1700. Wenn man die Größe dieser Abstände berücksichtigt, wird man der Übertragung erworbener Eigenschaften, einem Faktor, der sich kontinuierlich geltend machen konnte, einen weit größeren Anteil an der Überbrückung derselben zuerkennen müssen, als den Zufälligkeiten der Keimvariationen, über deren Tragweite und Wiederholung wir völlig im Unklaren sind.

Man könnte nun fragen, wie es kommt, daß in den Jahrtausenden seit der jüngeren Steinzeit das Gehirn des Europäers keine erhebliche Volumenzunahme erfahren haben soll, wenn wir doch allen Grund zu der Annahme haben, daß die geistige Arbeit die Weiterentwicklung des Gehirns fördert. Auf diese Frage ist zunächst zu bemerken, daß, wenn auch die Masse des Gehirns bei den Kulturvölkern seit der jüngeren Steinzeit keine auffällige Zunahme erfahren hat, daraus noch keineswegs zu folgern ist, daß das Gehirn auf der gleichen Stufe der Entwicklung verblieben ist. Man darf, wie wir schon an früherer Stelle betonten, die Bedeutung der Masse des Gehirns für die geistige Leistungsfähigkeit nicht überschätzen. Für diese kommt auch die feinere Organisation des Gehirns wesentlich in Betracht, und es ist wenigstens sehr wahrscheinlich, daß letztere seit der jüngeren Steinzeit eine Vervollkommnung erfahren hat, die sich allerdings nicht genauer nachweisen läßt. Außerdem ist zu berücksichtigen, daß der Fortschritt inbezug auf Kultur und Intelligenz vom Neanderthaler1) zum Pfahlbauern weit größer ist und dementsprechend auch viel bedeutendere Zeiträume erheischte, als der von letzterem zum bäuerlichen Kulturmenschen der Gegenwart. Penk berechnete die Dauer der paläolithischen Periode (ältere Steinzeit), die von der jüngeren durch die mesolithische getrennt ist, auf 200000 Jahre. Die Ansichten über die Dauer der jüngeren Steinzeit schwanken; man kann nur sagen, daß sich dieselbe vom 2. Jahrtausend vor Chr. über eine Mehrzahl von (5—8) Jahrtausenden, also einen im Vergleiche zur paläolithischen Periode kurzen Zeitraum erstreckte.

Der Neanderthaler wohnte ausschließlich in Höhlen; er besaß zwar schon einige Geräte und Waffen aus Stein und Holz, doch ist es fraglich, ob er schon eine Bekleidung auch nur aus Tierfellen besaß. Was dagegen der Pfahlbauer in der jüngeren Steinzeit, noch mehr in der Bronzezeit erreicht und geleistet hat, haben wir gesehen, und ich glaube, daß dieses tüchtige Geschlecht, wenn es wieder aufleben könnte, sich auch den derzeitigen Kulturverhältnissen wohl anpassen und in seinen Leistungen hinter den Bauern der Gegenwart nicht erheblich zurückstehen würde.

 

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1) Vergl. S. 282.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.12.2009 
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