[Männliche Dummheit mit weiblichen Zügen und umgekehrt. Die bescheidene und die prätenziöse Beschränkte.]


Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß auch im Bereich der Dummheit die Geschlechtsunterschiede nicht immer sich geltend machen. Wenn auch die Beschaffenheit des äußeren Geschlechtsapparates über die Zugehörigkeit des Einzelindividuums zu dem einen oder anderen Geschlecht gewöhnlich keinen Zweifel läßt, so findet sich doch in jedem Mann und jedem Weib auf seelischem, wie auf körperlichem Gebiet eine Mischung von Charakteren beider Geschlechter. In dieser überwiegt im Einzelfall je nach der stärkeren oder geringeren Ausprägung des Geschlechtstypus das spezifisch Männliche oder das spezifisch Weibliche mehr oder weniger. So kommt es, daß sich Männer finden, welche auf seelischem Gebiet die Züge der Weiblichkeit aufweisen, und Weiber, die seelisch dem Mann sich sehr nähern. Dieser Sachverhalt macht es verständlich, daß die Dummheit des Weibes gelegentlich die Eigentümlichkeiten der männlichen und umgekehrt die männliche Dummheit die Eigentümlichkeiten der weiblichen zeigt. In letzterem Fall spricht man von dem Betreffenden als einem altem Weibe, auch Waschlappen, womit insbesondere Schwatzhaftigkeit, Rührseligkeit oder (beim Waschlappen) geistige Unselbständigkeit (Beeinflußbarkeit) angedeutet wird. Auf der weiblichen Seite gibt es zwar Individuen, die in der Art ihrer Beschränktheit dem Bierphilister sehr nahe stehen, doch fehlt dafür eine besondere Bezeichnung. Ein Weib dieser Gattung mag, wenn sie das Schicksal mit einem geistesverwandten Gatten zusammenführt, keinen Schaden stiften. Für einen idealgesinnten, künstlerisch oder wissenschaftlich tätigen Mann bedeutet es dagegen ein Verhängnis, das auch den Geduldigsten zur Verzweiflung bringen kann.

Die Kombination der Dummheit mit anderen seelischen Eigenschaften liefert verschiedene interessante weibliche Typen, von welchen wir hier nur zwei Gegensätze berücksichtigen wollen: die bescheidene, gemütvolle und die unbescheidene, gemütsarme Beschränkte (die prätenziöse Gans). Weibliche Personen vom erstgenannten Typus können durchaus liebenswürdige Geschöpfe sein, welche durch ihre Bescheidenheit und Herzenseigenschaften ihre Mängel auf intellektuellem Gebiet vergessen machen. Sie sind imstande, ihre Position im Leben, wenn dieselbe keine allzuhohen Anforderungen an sie stellt, völlig auszufüllen, und leisten an Opferwilligkeit für ihre Familie oft Bewundernswertes. Ihre Beschränktheit steigert oft ihre Selbstlosigkeit bis zu einem für sie verhängnisvollen Maße, indem sie ihre Jahre und ihre Kräfte im Dienste anderer verbrauchen, ohne an die eigene Zukunft zu denken und entsprechenden Lohn zu finden.

Die prätenziöse Beschränkte ist dagegen ein durchaus widerwärtiges Geschöpf, mit dem niemand auf die Dauer zurecht kommt. Sie will etwas Anderes, Höheres, Besseres sein, als sie ist, und dementsprechend auch behandelt werden. Ihre Selbstüberschätzung mag sich auf sehr verschiedene Umstände stützen, körperliche und vermeintliche geistige Vorzüge, materiellen Besitz, Abstammung, Familienbeziehungen. Sie mag sich aber auch ohne irgendwelche erfindliche Grundlage infolge verkehrter Erziehung oder anderer Umstände recht ansehnlich entwickelt haben. Die prätenziöse Gans macht sich als solche nicht nur im Kreise ihrer Familie, sondern überall, wo sie mit anderen Personen in Verkehr tritt, geltend und mißliebig. Sie verlangt als Frau vom Gatten, daß er sie als ein Wesen höherer Art verehrt und die Erfüllung ihrer Wünsche als Hauptzweck seines Lebens betrachtet. In der Gesellschaft beansprucht sie Bevorzugungen, die ihr nicht zukommen, von den Geschäftsleuten die prompteste und aufmerksamste Bedienung, und wenn die Schneiderin nach langem, vergeblichem Warten ihre Rechnung präsentiert, ist dies selbstverständlich eine grobe Ungehörigkeit. Auf Reisen ist sie der Schrecken der Hoteliers und ein Gegenstand des Grauens für das dienende Personal. Besitzt sie zufälliger Weise ein bescheidenes Talent für irgendeine Kunstleistung, so erachtet sie sich gefeierten Künstlerinnen für ebenbürtig und führt es lediglich auf Gehässigkeit zurück, wenn ihren sehr dilettantischen Produktionen nicht die höchste Anerkennung zuteil wird.

Es ist nicht zu verkennen, daß die Prätenzionen dieser beschränkten Frauen vielfach, ja zumeist durch die Stupidität ihrer Männer angeregt und genährt werden. Die Verblendung der Liebe, wie sie namentlich in der ersten Zeit des Ehestands besteht, läßt die Männer in ihren Auserwählten etwas erblicken, was von der Wirklichkeit sich weit entfernt, und wenn durch Verziehung der Boden für eine übertriebene Selbstschätzung vorbereitet und durch Beschränktheit jede nüchterne Selbstkritik unmöglich gemacht wird, dann darf man sich nicht wundern, daß der von dem Mann geübte Kultus die Umwandlung der Frau zur prätenziösen Gans bewirkt. Erfreulicherweise ist diese eine ungleich seltenere Erscheinung als die bescheidene, gemütvolle Beschränkte, der wir auf allen Gebieten altruistischer Tätigkeit begegnen.

 

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