[Die bigotten Beschränkten. Gefährdung des Seelenheils durch weltliche Vergnügungen. Die Vorstellung der Beschränkten vom Jenseits.]


An diejenigen, für welche das Gottvertrauen zu einer Quelle törichter Vorstellungen wird, reihen sich jene Beschränkten an, welche in ihrer Auffassung von Religion die Form über den Inhalt, die Äußerlichkeiten über das Wesentliche stellen. Es sind dies die Bigotten, welche ihren religiösen Pflichten durch täglichen Kirchenbesuch, häufiges Beichten, Teilnahme an Wallfahrten, Prozessionen, Betübungen, Bibellesen und dergl. zu genügen glauben und dabei die Betätigung wahrer Nächstenliebe für überflüssig erachten. Die Sorte von Frommen betrachtet das Versäumnis einer Andacht oder die Übertretung eines Fastengebotes als schwere Sünde, hält es aber nicht für nötig, einen Schritt zu tun, um die Not eines nahen Verwandten zu lindern. Sie trägt auch kein Bedenken, über mißliebige Personen, insbesondere Andersgläubige, schwere Verleumdungen zu verbreiten; selbst das geistliche Gewand schützt häufig den Träger nicht gegen den Geifer dieser Frommen. Es fehlt ja dem der rechte Glaube, der nicht von ihrer Gesinnung ist, und gegen solche Leute vorzugehen, ist nach ihrer Meinung ein verdienstvolles Werk. Andersdenkende und Andersgläubige gerecht zu beurteilen, ist den Bigotten unmöglich. Die törichten und verschrobenen religiösen Vorstellungen, die sie beherrschen und ihren geistigen Horizont einengen, lassen sie überall nur das Schlimme an den Menschen erkennen, die nicht von ihrem Schlage sind. Mit der Intoleranz gegen Andersdenkende verknüpft sich bei diesen Individuen häufig ein zelotischer Eifer gegen die Veranstaltungen, welche dem Vergnügen oder ästhetischen Genüssen dienen, Theater, Konzerte, Bälle. Die Teilnahme an solchen Veranstaltungen ist nach ihrer Auffassung ein sündhafter Genuß, auf den der um sein Seelenheil besorgte Christ verzichten muß. Eine fromme evangelische Rheinländerin schrieb ihrem Sohn in Berlin, der dort zu hohen Würden gelangt war: "Daß Du auf Besuche von Konzerten nicht verzichtest, schmerzt mich, daß Du Dich aber entschließen konntest, auch Theater zu besuchen, ist mir ganz unfaßbar." Die fromme Dame konnte sich nicht vorstellen, wie ihr in orthodoxen Grundsätzen auferzogener Sohn es unternehmen konnte, sich der Gefahr für sein Seelenheil auszusetzen, die mit dem Theaterbesuch nach ihrer Ansicht unzertrennbar verknüpft war. Mit ähnlichen Augen wie Theater und Konzerte betrachten viele Bigotte unsere klassische Literatur. Die Schöpfungen unserer Geistesheroen sind in ihren Augen Teufelswerk, und nur geeignet, ein frommes Gemüt zu vergiften.

Von besonderem Interesse sind ferner die Vorstellungen über das Jenseits, Himmel, Hölle und Fegefeuer, die auf dem Boden der Dummheit erwachsen. Die Ideen von den Herrlichkeiten, die im Himmel der frommen Seelen harren sollen, sind wohl zumeist schwankend und vage; dagegen sind die Ansichten über die Lokalität dieser Herrlichkeiten ganz bestimmt. Der Himmel befindet sich in der Gegend über dem Firmamente, und eine mir bekannte ebenso fromme als beschränkte Frau hat dieser Ansicht gelegentlich drastischen Ausdruck verliehen. Der Betreffenden wurde aus einer Zeitung der Bericht über eine Luftballonfahrt vorgelesen, in dem gesagt war, daß die Luftschiffer in einer gewissen Höhe infolge der Luftverdünnung von Blutungen aus Mund und Nase befallen wurden. Letztere Mitteilung stieß bei ihr auf Unglauben; "Das ist nicht möglich", bemerkte sie, "wir müssen ja alle da hinauf, wenn wir in den Himmel kommen, und wie könnte das sein, wenn die Sache so gefährlich wäre." In den Köpfen mancher sehr Beschränkter bildet auch die Mär von der Himmelspforte und deren Bewachung durch den hl. Petrus einen tatsächlichen Glaubensartikel.

Die Vorstellungen von den Vorgängen im Himmel, welche beschränkte Individuen sich beibringen lassen, sind mitunter von einer geradezu unglaublichen Naivität. Ein Beispiel dieser Art wurde durch eine Verhandlung vor der Strafkammer des Landgerichts in Kempten im Jahre 1898 aufgedeckt. Zur Aburteilung stand ein Schwindel, welcher von der kranken Tochter eines Handwerkers in einem Dorfe bei Kempten verübt wurde. Die Betrügerin, welche zur Zeit der Gerichtsverhandlung bereits verstorben war, verstand es, wohlhabenden Angehörigen einer Freundin durch das Vorgeben, daß sie mit der Mutter Gottes und einer verstorbenen im Fegfeuer befindlichen Schwester der Freundin in Verbindung stehe, mehrere Jahre hindurch große, deren Vermögen schließlich erschöpfende Geldbeträge zu entlocken. Für die Erlösung der verstorbenen Schwester der Freundin aus dem Fegfeuer durch die Verwendung der Muttergottes verlangte die Kranke 300 Mark. Etwas später berichtete die Kranke, die in den Himmel versetzte Schwester habe sich dort verheiratet und man müsse ihr Heiratsgut und für 1000 Mark Aussteuer in den Himmel schicken. Nach einiger Zeit kam die Nachricht von der Entbindung der glücklich Verheirateten, was wieder Geld kostete. Die Muttergottes suchte auch selbst um ein Darlehen von 2500 Mark gegen hohe Verzinsung nach, zur Ausschmückung von Himmelsräumen usw. Alle diese Beträge wurden von den Betörten bereitwilligst hingegeben, um in den Himmel gesandt zu werden. Der Glaube an das Stattfinden dieser Sendungen wurde durch vom Himmel kommende Empfangsbestätigungen in Briefform, die z. T. mit Heiligenfiguren oder Goldrand versehen waren, bestärkt.

Detaillierter und plastischer sind im Allgemeinen die verbreitetsten Vorstellungen über die Hölle und ihre Insassen. Die Lokalität ist hier schwankend. Man denkt wohl zumeist an das Erdinnere oder einen Raum unter der Erde; dagegen besteht kein Zweifel darüber, daß es ein sehr heißer Ort ist mit greulichen Insassen, die sich ein Vergnügen daraus machen, die dahin verwiesenen gottlosen Seelen mit den grausamsten Martern heimzusuchen. Der Teufel, der Fürst der Hölle, und seine Gesellen, die verschiedenen Unterteufel, haben selbstverständlich, wie man dies auf verschiedenen Abbildungen sieht, ein schwarzes Fell, Hörner, einen feuersprühenden Rachen, Bock- oder Pferdefüße, ermangeln auch des Schweifes nicht. Sie schüren unablässig das Feuer, in dem die Verdammten gebraten werden. Ein entsetzliches Geheul, Pech- und Schwefelgeruch sind die Begleiterscheinungen dieser ungemütlichen Szenen. Es ist nicht wunderlich, daß diese Ideen in den Köpfen der Beschränkten heutzutage noch so große Verbreitung besitzen, da dieselben von einem Teile der Klerisei der verschiedenen Konfessionen durch drastische Schilderungen genährt werden1). Wie man mir mitteilt, zählen auch noch manche hervorragende katholische Theologen, so Professor Biltz in Münster und Professor Commer in Wien, zu den Verfechtern des materiellen Höllenfeuers und dies, obwohl schon vor mehr als 1000 Jahren Scotus Erigena sich gegen diese Theorie ausgesprochen hat.

 

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1) Auch die bildliche Darstellung von Höllenszenen mit den greulichsten Details, wie man sie auf allen Gemälden in Kirchen und Kapellen noch häufig findet, ist in dieser Richtung wohl nicht ohne Einfluß. Insbesondere die Künstler des Mittelalters haben in der Darstellung der Höllenszenen eine ungemein rege Phantasie betätigt und dabei Anschauungen bekundet, die den heutigen Vertretern des materiellen Höllenfeuers ferne liegen. So findet sich auf einem berühmten alten Gemälde im Campo santo zu Pisa eine greuliche Teufelsgestalt mit weit offener Bauchhöhle, in welcher die von dem Höllenfürsten verschluckten Verdammten sichtbar sind.


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