[Massenverdummende Einflüsse. Isolierte Lage eines Ortes. Verbreitung törichter Vorstellungen durch geistliche und weltliche Agitatoren. Das Volksverdummungssystem in Rußland. Einfluß politischer Knechtung und andauernder materieller Notstände.]


Es ist begreiflich, daß die Momente, welche auf das Einzelindividuum verdummend wirken, wenn sie bei einer größeren Anzahl an einem Orte lebender Individuen zur Geltung kommen, eine Massenverdummung zur Folge haben. Schon die isolierte Lage einer Ortschaft, die Entfernung derselben von den frequentierteren Verkehrswegen, kann ungünstig auf den intellektuellen Stand einer Bevölkerung wirken, und jene Tiroler Kleriker, welche die Anlage neuer Straßen zu verhindern sich bemühten, weil sie von einem größeren Fremdenzufluß eine Minderung der frommen Einfalt ihrer Schäflein befürchteten, hatten nicht unrichtig kalkuliert. Die Abgeschlossenheit verhindert das Eindringen neuer Ideen und die Beseitigung von Vorurteilen und anderen irrtümlichen Anschauungen. Sie begünstigt daher die geistige Stagnation und erschwert jeden Fortschritt. Man kann sich in unseren Gebirgsdörfern häufig davon überzeugen, wie förderlich die Zunahme des Verkehrs auf die Intelligenz der Bevölkerung wirkt, wenn diese Intelligenzmehrung auch nicht immer für den Fremden von Vorteil ist. Ähnlich wie die Isolierung wirkt die Verbreitung und Unterhaltung törichter und abergläubischer Vorstellungen in einer Bevölkerung, da hierdurch bei derselben Kritiklosigkeit und Leichtgläubigkeit und damit auch die Neigung zur blinden Unterordnung unter die geistliche Autorität genährt wird. Manche sind der Meinung, daß die absichtliche Verdummung des Volkes auf dem angedeuteten Wege lediglich eine Gepflogenheit des um seine Herrschaft über die Geister besorgten ultramontanen Klerus sei, und es ist auch nicht zu leugnen, daß dieser in den Ländern und an den Orten, in welchen er bisher die Macht besaß, sich redlich bemühte, die Hebung des intellektuellen Niveaus der Bevölkerung zu verhindern. Allein die ultramontane Klerisei hat sich keineswegs das Privileg der Volksverdummung angeeignet. Politische Agitatoren in verschiedenen Ländern und gouvernementale Kreise arbeiteten in der gleichen Richtung, wenn auch nicht immer mit dem gleichen Erfolge. Am deutlichsten ist dies auf europäischem Gebiete in Rußland zutage getreten. Bis zum Ausbruch der Revolution in diesem Lande hat das systematische Vorgehen gegen Universitäten und Gymnasien, die Knebelung der Presse, die Vernachlässigung des Volksschulunterrichts die Bekämpfung aller Bestrebungen, die die Aufklärung der Massen zum Ziele hatten, die Maßregelung derjenigen, welche ihre politische Meinung zu äußern oder auch nur grobe Mißstände zu geißeln wagten, deutlich genug bewiesen, daß die gouvernementalen Kreise, die durch hundertjährige Knechtung erzielte Verdummung des Volkes nicht zu beseitigen oder zu verringern, sondern um jeden Preis zu erhalten, wenn nicht zu mehren gewillt waren.

Einer der hervorragendsten russischen Gelehrten der Gegenwart, v. Bechterew, äußert sich über das in Rußland befolgte System in folgenden bitteren Worten1): "Der schlimmste Feind aber, die größte Gefahr erwuchs der russischen Schule aus dem neuerdings stark um sich greifenden Nihilismus gegenüber allen Bildungstendenzen. Aufklärung der Massen erschien als etwas überflüssiges, ja als schädlich vom Standpunkte der allgemeinen staatlichen Idee. Volle Schriftunkundigkeit war die Frucht, die weiten Schichten des Volkes aus dieser unsinnigen Politik erwuchs, und für Millionen blieb die Gottesgabe der menschlichen Sprache auf das enge Gebiet persönlichen Gedankenaustauschs beschränkt. Eine gute Vorstellung von dem tiefen Niveau russischer Volksbildung erhält man bei einer Vergleichung mit den Verhältnissen in Japan, wo es insgesamt 10% Schriftunkundige in der Bevölkerung gibt, gegen 73% in Rußland".

Auch die politische Unfreiheit, wie sie in Rußland und anderen absolutistisch regierten Ländern bestand, wirkt in gewissem Maße verdummend, da sie die Massen jener geistigen Anregung beraubt, die mit der aktiven Anteilnahme an staatlichen Angelegenheiten verknüpft ist, und sie verhindert, auf die Besserung ihrer Verhältnisse, soweit solche durch staatliche Mittel ermöglicht wird, und die Beseitigung von Mißständen Bedacht zu nehmen.

Ähnlich wie die politische Knechtung kann endlich auch ein andauernder materieller Notstand wirken. "Die Not", sagt das Sprichwort zwar "macht erfinderisch"; sie veranlaßt den Menschen, alle seine Kräfte anzuspannen, um seine Existenz angenehmer zu gestalten. Dies trifft jedoch im allgemeinen nur für die Fälle zu, in welchen das Individuum die Aussicht hat, durch Anstrengungen einen Erfolg bezüglich seiner Verhältnisse zu erzielen. Andauerndes materielles Elend, das nicht zu beseitigen ist, drückt dagegen die geistige Regsamkeit herab und führt dadurch zum Stumpfsinn. Dies ist lediglich der Ausdruck einer Akkommodation an die bestehenden traurigen Verhältnisse, ohne welche diese nicht zu ertragen wären. Wird der Branntwein als Tröster in diesen Fällen verwendet, wie es so häufig geschieht, so sinkt das intellektuelle Niveau der Bedauernswerten noch tiefer.

 

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1) v. Bechterew: "Die Persönlichkeit und die Bedingungen ihrer Entwicklung und Gesundheit." Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. XLV, S. 23.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 13.12.2009 
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