[Ausgehen aller kulturellen Fortschritte von intelligenteren Einzelindividuen. Ursachen der Verbreitung von Kulturelementen: Zwang; Erkenntnis ihres Nutzens.]


Welcher Art nun auch der Antrieb zu den einzelnen Kulturfortschritten gewesen sein mag, dieselben sind immer von einzelnen intelligenteren Individuen ausgegangen und wurden von der Masse nur übernommen. Der besser Begabte und geistig Regsamere begnügt sich nicht so leicht damit, wie der intellektuell unter ihm Stehende, einen Zustand, der ihm das Leben erschwert, stumpfsinnig zu ertragen; er sinnt auf Abhilfe und findet auch leichter Mittel und Wege hierzu. Er beobachtet die Natur mit forschendem Auge und zieht aus seinen Wahrnehmungen Schlüsse; er macht Versuche und läßt sich durch Mißerfolge nicht abhalten, nach dem Ziele, das er sich gesteckt, weiter zu streben. Ob nun die Vorteile des errungenen Kulturfortschritts größer oder geringer sind, die Masse ist nicht immer bereit, denselben anzunehmen und zu verwerten.

Wenn wir den Momenten nachgehen, welche zur Verbreitung der einzelnen Kulturelemente führten, so finden wir, daß unter denselben der Zwang eine ganz hervorragende Rolle spielte und noch spielt. In den ältesten Zeiten wurde dieser Zwang öfters in Form religiöser Vorschriften geübt, so z. B. in der mosaischen Gesetzgebung inbezug auf den Gebrauch von Bädern und Waschungen. Später wurde derselbe vorzugsweise durch einsichtsvolle weltliche Machthaber ausgeübt, und in neuerer Zeit haben in den konstitutionellen Staaten die gesetzgebenden Körperschaften den Hauptanteil an der Zwangsverwertung übernommen. Mit den Fortschritten der Kultur hat sich dieser Modus der Verbreitung von Kulturelementen nicht verringert, sondern sich mehr und mehr ausgedehnt, und wir sind uns des Umfanges, in welchem unser Kulturzustand durch Zwang erhalten wird, nur deshalb weniger bewußt, weil wir uns an denselben gewöhnt haben und derselbe auch zumeist unserer besseren Einsicht entspricht. Selbst die strenge allseitige Durchführung der wichtigsten Kulturfortschritte ist noch von staatlichem Zwang abhängig und würde, wenn man sich bezüglich derselben lediglich auf die Intelligenz der Bevölkerung verlassen wollte, alsbald ein Ende erreichen. Es sei hier zunächst nur an den Volksschulunterricht erinnert. Es zählt heutigen Tags in Deutschland zu den ganz seltenen und zufälligen Ausnahmen, daß geistig normale Kinder ohne Volksschulunterricht aufwachsen; die Zahl der Analphabeten ist bei uns eine verschwindend geringe. Man würde aber sich irren, wenn man glauben wollte, daß dieses Resultat durch die Einsicht der Bevölkerung allein, ohne den Druck des Gesetzes, das selbst kein vorübergehendes Schulversäumnis duldet, erreichbar gewesen wäre. In Italien besteht ebenfalls, aber eben nur auf dem Papier, gesetzlicher Schulzwang und doch wächst dort, insbesondere in Süditalien, ein großer Teil der schulpflichtigen Jugend ohne Unterricht auf, obwohl man der dortigen Bevölkerung die Einsicht in die Vorfeile des Schulunterrichts wohl zutrauen darf.

Mit der Reinhaltung und Pflasterung unserer Städte ist es ähnlich bestellt. Im Mittelalter herrschten in dieser Beziehung nach unseren derzeitigen Begriffen grauenvolle Zustände, und wenn wir heutzutage wenigstens in den größeren Städten uns wohlgepflasterter und sauber gehaltener Straßen erfreuen, so ist dies keineswegs lediglich der Einsicht der Bevölkerung, sondern dem Eingreifen der Behörden zu verdanken, welche für Pflasterung sorgen und die Hausbesitzer zur Straßenreinigung verpflichten. Wo dieser Zwang fehlt, da finden wir auch vielfach bei uns, in kleineren Städten wie auf dem Lande, die traurigsten Straßenzustände.

Neben dem Zwang hat sich für die Verbreitung von Kulturelementen die Erkenntnis der mit denselben verknüpften Vorteile allzeit wirksam erwiesen, und es ist wahrscheinlich, daß in den primitiveren Kulturverhältnissen diese Erkenntnis die Hauptrolle spielte. Die Bedeutung eines jeden einzelnen Kulturfortschrittes war hier so einleuchtend und der Vorteil, der demselben anhaftete, so augenscheinlich, daß die Einzelindividuen im eigenen Interesse sich zur Übernahme desselben entschlossen. So bedurften die Züchtung von Nutzvieh, die Anfänge des Ackerbaues, das Anpflanzen von Fruchtbäumen, Gemüsezucht etc. zu ihrer Verbreitung, wo solche die Verhältnisse gestatteten, wohl keines Zwanges seitens religiöser oder weltlicher Gewalten. Auch in unseren Tagen konnte man sich überzeugen, daß irgend ein Kulturfortschritt, dessen Nutzen der Bevölkerung ohne weiteres klar ist, sich alsbald und ohne jede obrigkeitliche Intervention einbürgert. So haben die Benützung der Eisenbahn an Stelle des Fußwanderns oder des Reisens im Postwagen, der Ersatz des alten Steinfeuerzeugs durch Zündhölzer, der Ölbeleuchtung durch Gas oder elektrisches Licht, der Gebrauch von Telegraph und Telephon keiner gesetzlichen oder behördlichen Aufdrängung bedurft.


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